Die kurze Emigration des Paul Eggel aus Naters

Zur Vor- respektive Quellengeschichte

Im November 2014 habe ich gemeinsam mit meiner Frau auf einer Argentinienreise auch San Jerónimo Norte (SJN) besucht, das von den ersten Walliser Auswanderern gegründete Dorf westlich von Santa Fe mit heute gut 7'000 Einwohnern. Einer der Gründe für die Reise war, dass ich bei der Recherche zum Binntalbuch mit dem Ethnologen Klaus Anderegg in Kontakt kam und dabei nicht nur vieles über die Walliser Auswanderung erfuhr, sondern in der Folge für ihn zahlreiche Briefe (auch aus SJN) transkribierte. Wir wussten, dass bis heute rege Kontakte bestehen zwischen den Nachkommen der Auswanderer und dem Wallis.

Aus Santa Fe angereist, wurden wir vom Vizepräsidenten des Schweizer Vereins und von dessen Vorgänger herzlich begrüsst. (Beide sprachen mit uns Hochdeutsch.) Sie luden uns für später zum Essen ein, und Roque Oggier1, der ehemalige Vize, organisierte für uns mehrere Treffen, insbesondere mit älteren Personen der vierten Generation, die das Walliser Deutsch noch beherrschten.

Schon kurz nach der Ankunft begegneten wir einem älteren Herrn, der, als er hörte, dass wir aus der Schweiz kamen, ins Wallisertiitsch wechselte und uns für den Nachmittag zu sich nach Hause einlud. Zunächst führte uns Herr Oggier jedoch auf den Friedhof, wo auch die Gräber der ersten Auswanderer noch vorhanden sind. Auf den Grabmählern lasen wir Namen wie Albrecht, Blatter, Imhoff, Jullier, Nanzer, Kuchen, Walpen, Volken, Zurbriggen. Auch dort begegneten wir einem älteren Mann. Ich sprach ihn versuchsweise auf Schweizerdeutsch an. Verblüffend seine Reaktion: Du redisch aber keis Wallisertiitsch - drum darfsch nid z’schnell redä, wenn ich dich sell verstah! Es war Edison Eggel, mit dem wir uns später ebenfalls zum Gespräch trafen. Dort erfuhren wir, dass seine Vorfahren aus Naters stammten und zu den Erstauswanderern gehört hatten. Bis in die 4. Generation seien sie Bauern geblieben. Seiner Familie gehöre ein Hof mit 140 Milchkühen. Inzwischen hätten sie ihn verpachtet und seien ist ins Dorf gezogen.

Edison Eggel auf dem Friedhof in San Jerónimo Norte. Im Hintergrund die Grabmäler von Erstauswanderern. (Aufnahme vom 05.10.2014.) Edison Eggel ist am 31. März 2015 im Alter von 73 Jahren verstorben.
Edison Eggel auf dem Friedhof in San Jerónimo Norte. Im Hintergrund die Grabmäler von Erstauswanderern. (Aufnahme vom 05.10.2014.) Edison Eggel ist am 31. März 2015 im Alter von 73 Jahren verstorben.

Sprachreflexion

Ein kurzer Auszug aus dem Gespräch mit Edison Eggel

Auf unsere Frage über seinen Umgang mit dem alten Walliserdeutsch sagte er:

Ja lotz. Derheimu mine Vater und mine Mueter hend mit isch de Walliser gredet. Und mier hend spaniolische g’antwortet. Sie hend mit iis immer Wallisertitsch gredet. Das isch geblibed. […]

Wann sind seine Vorfahren nach Argentinien gekommen? De Urgrosselter va mier isch va der Schwiz usgwanderet. Der Chaschper Eggel isch vo da cho. Tuusigachthunderteinesächzig. Mine Vatter ischt hier gebore, mine Grossvater ischt schon in San Jerónimo gebore.

Bemerkeswert war sein ausgeprägtes Sprachbewusstsein. Dass sich in seinem Wortschatz Relikte aus dem 19. Jahrhundert erhalten hatten, Ausdrücke, die man heute im Wallis nicht mehr verwendet, war ihm bewusst. Er habe, wie er erklärte, immer Luscht uber die Sprach ghäbet. Auch wenn sein Sohn in der Schule auch Deutsch gelernt habe, sei er in der Familie der Einzige, der die Sprache der Vorfahren noch sprechen könne. Seine Frau verstehe ihn, wenn er Walliserdeutsch rede, aber untereinander benutzten auch sie nur das Spanische. Deshalb meinte er: Wenn wir si ewäg, denn isch die Sprach au ewäg. Noch immer lebendig seien jedoch Schweizer Musik und Tanz. Er selbst habe viele Jahre Musik gemacht. Und hier seien vill, wo mached Musig. Hier hei mer richtig Gruppnä, wa mached di tipisch Schwizer Müüsig. Der letzte Hackbrett-Spieler sei vor 10 bis 15 Jahren gestorben, aber di chleinä Orgelä [Handorgeln] würde nach wie vor gespielt.

Edison Eggel bewohnte mit seiner Frau zwar ein Haus im Dorf, aber, wie er sagte: Mine Urgrossvatter, mine Grossvatter, mine Vatter und ich sind alli Pür. Zwänzig Jahre zrugg ich habe sälber gemälched und alls und ofem Land gwonet. Vom Urgrossvater, der aus Blatten stammte, erzählte er, dieser sei damals in die Gegend des heutigen San Jerónimo gekommen und habe wie die anderen Siedler 33 ha Land bekommen. Er sei dann ins Wallis zurückgereist; dort habe er geheiratet und sein Hab und Gut verkauft. Zurück in Argentinien habe er mit dem Erlös weiteres Land gekauft. Er selbst besitze 150 ha Boden. Auch er habe dazugekauft, aber das meiste habe er von Vater und Mutter geerbt. Da die Kinder Schulen besuchten und nicht Bauern werden, hätten er und seine Frau den Campo verlassen und seien ins Dorf gezogen. Für die Arbeit auf dem Hof habe er Liit dargeta, wo hend gmälcht. Aber ich ga jede Tag am Morge und am Namittag ufem Land noch. Und ich schaffe alles mit Melchchüeleni. – Melchüeleni sind also hundertzwenzig. […]

Vor den Privatbesuchen begleitete Oggier uns in die Kirche, ins älteste Gebäude im Dorf, danach ins Gemeindehaus und schliesslich zum Haus des Schweizer Vereins. Wir stiessen überall auf reges Interesse. Besonders eindrücklich und auch inhaltlich ergiebig waren dann die Gespräche bei den Leuten zuhause. Über die Familiengeschichten bekamen wir ein lebendiges Bild von 150 Jahren San Jerónimo Norte. Gastgeber waren durchwegs Leute im hohen Alter, die uns ein Walliserdeutsch aus dem 19. Jahrhundert erleben liessen. Das war nicht ihre Umgangssprache, aber mit einigem Stolz führten sie uns eine Urmuttersprache vor, die sich, was Wortschatz und Sprachmelodie betrifft, wohl wenig vom Idiom ihrer Vorfahren unterschied. Ihnen war dies durchaus bewusst, nicht zuletzt, weil alle schon mal ins Wallis gereist und dort dem heutigen Sprachstand begegnet waren. Wir gehörten wohl zu den letzten Zeugen dieser konservierten Altsprache. Justino Walker zum Beispiel erzählte, wie nicht nur in seiner Familie das Wallisertiitsch in einer Art gepflegt wurde, dass die Kinder zweisprachig aufwuchsen. Das sei heute nicht mehr so. Viele Nachkommen der fünften und (damals) sechsten Generation besuchten wohl Deutschkurse, lernten dort aber Hochdeutsch. Den Walliser Dialekt könnten sie weder sprechen noch verstehen. Den Gastgebern war schmerzlich bewusst, dass nach ihrem Tod die alte Sprache höchstens noch in Tondokumenten erhalten bleiben würde. Da wir ein Aufnahmegerät dabeihatten, konnten wir selbst ein solches Dokument in die Schweiz mitnehmen

Ebenso eindrücklich wie ergiebig war der Besuch bei José Luis Eggel-Lagger und seiner Mutter. Seine Vorfahren waren wie jene des Namensvetters Edison Eggel um 1860 von Naters nach Argentinien ausgewandert. Wir staunten, als er uns sein Privatarchiv zeigte: eine beeindruckende Sammlung von Text- und Bilddokumenten. Wir konnten einiges Bildmaterial fotografieren. Aus der Textsammlung entnahm er auch ein Korpus mit zwischen 1877 und 1882 geschrieben Briefen aus Naters. Lesen konnten wir sie vor Ort nicht. Schon weil die Zeit dazu fehlte, besonders aber wegen der schwer lesbaren Schrift. Es war klar, dass sich die Inhalte erst übers Transkribieren erschliessen liessen. Oggier, der uns zum Ehepaar Eggel begleitete, nahm das Korpus sowie weitere Textdokumente entgegen, begab sich damit ins Gemeindehaus und kam mit Kopien zurück.

Fotos aus dem Archiv von José-Luis Eggel (dampfgetriebene Schlepper -- einer mit Dreschmaschine -- aus der Zeit nach 1900).
Fotos aus dem Archiv von José-Luis Eggel (dampfgetriebene Schlepper -- einer mit Dreschmaschine -- aus der Zeit nach 1900).

Nach dem Abschied von José Luis Eggel und seiner Frau fuhr uns Oggier in sein Haus und stellte uns seine Frau und einen ihrer Söhne vor. Er ist Elektroinstallateur und Inhaber eines Elektrofachgeschäfts. Bei ihm zuhause drehte sich das Gespräch auch um einen unerwarteten Sachverhalt, um die eidgenössische Volksabstimmung vom 30. Oktober 2014. Wie viele andere im Dorf haben die Oggiers neben dem argentinischen auch den Schweizer Pass. Deshalb bekommen sie regelmässig die Wahl- und Abstimmungsunterlagen zugestellt. Zu ebendieser Zeit hatten sie wieder solche Post bekommen. Sie nutzten die Gelegenheit, Fragen zu den drei Initiativbegehren zu stellen, da ihnen die Sachverhalte Kopfzerbrechen bereiteten, sie aber die Stimmzettel unbedingt ausgefüllt zurücksenden wollten. Zur Entscheidung standen die Volksinitiativen «Schluss mit den Steuerprivilegien», «Stopp der Überbevölkerung», «Rettet unser Schweizer Gold». Für uns war es ein Rollentausch; sie stellten Fragen, und wir versuchten sachgerecht zu antworten. Besonderes schwer taten sie sich mit der Überbevölkerungs-Vorlage2, der sogenannten Ecopop-Initiative. Für uns war die Situation insofern speziell, als wir selbst für einmal der Abstimmung fernbleiben würden. (Ende Oktober würden wir noch immer ins Südamerika sein.3) Auch wenn wir die Absicht der Initianten so neutral wie möglich zu vermitteln versuchten, dürften die Zuhörer gespürt haben, welche Meinungen wir vertraten. In gewissem Sinne stimmte die Familie Oggier auch stellvertretend für uns ab.

Unterlagen für die eidgenössischen Abstimmungen vom 30.11.2014.
Unterlagen für die eidgenössischen Abstimmungen vom 30.11.2014.

Gegen Ende der Besuchstour wurde es nochmals richtig spannend. Wir wurden von Maria Carmen Jullier erwartete. Aus der französisch sprechenden vitalen Frau sprudelte es nur so heraus; sie vermittelte uns ein lebendiges Bild von der Gründungsgeschichte der Kolonie. Frau Jullier kannte sich darin aus wie bestimmt niemand sonst im Ort, hatte sie doch nahezu das ganze verfügbare Quellenmaterial ausgewertet und darüber publiziert. Bis in Einzelheiten hinein konnte sie über die Sachverhalte erzählen. Über Ricardo Forster und Lorenzo Bodenmann4 etwa sprach sie so detailreich, als wäre sie den beiden um 1857 selbst begegnet. Zum Abschied schenkte sie uns ein gedrucktes Exemplar ihrer Forschungsresultate.

Maria Carmen Jullier am 5. November 2014 beim Erläutern der Familiengeschichte der Julier aus dem Walliser Dorf Ernen.
Maria Carmen Jullier am 5. November 2014 beim Erläutern der Familiengeschichte der Julier aus dem Walliser Dorf Ernen.

19 Uhr war schon vorüber, als wir ein letztes Mal in Roque Oggiers Auto stiegen und von ihm nach Santa Fe zurückgefahren wurden. Hinter uns lag ein ereignisreicher Tag; wir waren Menschen voller Herzenswärme begegnet, darunter wirklichen Originalen. Vieles ist uns in lebendiger Erinnerung geblieben.

Die Emigranten der Familie Eggel aus Naters

Der Entwicklungsschub in Teilen des Oberwallis

Die in der Einleitung genannten Briefe aus dem Archiv von José Luis Eggel bilden die Grundlage für die nun folgende Auswanderer- und Rückwanderer-Geschichte. Die Texte erlauben zwar bloss kurze Einblicke in das Leben von hauptsächlich drei Männern, beleuchten aber den Emigrationskontext für einmal aus einer anderen Perspektive. Das macht sie fürs Thema besonders wertvoll. Wegen manch schwer lesbarer Stellen war das Transkribieren mühsam, aber der Aufwand hat sich gelohnt. Die unleserlichen Passagen beeinträchtigten des Gesamtverstehen nicht. Weil die Briefe bis auf zwei vom Wallis nach Argentinien gingen, und nicht umgekehrt, vermittelt die Korrespondenz Informationen, die man üblicherweise höchstens indirekt erhält. Kommt dazu, dass sie zu einer Zeit geschrieben wurden, als sich in Brig und Naters, ja, im Oberwallis generell, epochale Veränderungen abzuzeichnen begannen.

Es sind zwölf im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts geschriebene Briefe. Sie entsprechen nur einem Bruchteil der damaligen Korrespondenz zwischen Naters und San Geronimo, aber sie vermitteln aufschlussreiche Sachverhalte. Sieben Texte stammen aus der Feder von Anton Eggel aus Naters; sechs adressierte er an den Sohn Paul, einen an seinen Bruder Josef.. Paul erhielt auch einen Brief mit der Anrede Vielgeliebter Bruder. Im Dossier finden sich ausserdem zwei Briefe von Josef Eggel aus der Kolonie. Wie sie ins Archiv gelangten, konnte sich José Luis Eggel selbst nicht mehr erklären; möglicherweise waren es Textentwürfe. Sie sind nach Naters adressiert, der eine an Bruder Anton, der andere an den Neffen Paul. Wie es dazu kam, dass Paul Eggel ins Wallis zurückkehrte, ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Edison und José Luis Eggel, die wir in SJN getroffen haben, sind Nachkommen der Auswanderer in vierter Generation5. Ihr Ururgrossvater war Josef Eggel, der 1861 als 22-Jähriger von Naters nach Argentinien auswanderte und zur Gründergeneration der Colonia San Geronimo, dem heutigen San Jerónimo Norte, gehörte. Mit ihm reisten die Familien der beiden neun bzw. sieben Jahre älteren Schwestern Anna Maria und Pulcheria. Anna Maria war mit Leopold Schalbetter, Pulcheria mit Kaspar Jossen verheiratet. Mit ihnen reisten vermutlich weitere Walliser Migranten. Von Anton Eggels zehn Geschwistern wanderten im 3. Viertel des 19. Jahrhunderts sechs nach Argentinien aus. Johannes, der älteste Bruder, tat es im Jahr 1877. Mit ihm reiste Antons 21-jähriger Sohn Paul (der jedoch auf keiner Auswandererliste verzeichnet ist).

Josef Eggel6 war Antons jüngster Bruder. (Zu dieser Zeit war dieser Gemeindepräsident von Naters.) In den Briefen wird zudem ein weiterer Johannes als in San Geronimo Ansässiger genannt; er war mit Anton verwandt. Auf der Liste wurde er 1868 als Auswanderer eingetragen. Sein Vater hiess Moritz. Vermutlich waren Johannes' und Josefs Väter Geschwister.

Teilansicht von Naters im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. (Quelle: Ignaz Eggel, Naters.)
Teilansicht von Naters im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. (Quelle: Ignaz Eggel, Naters.)

..., wenn wir dir lieb sind u dich an unserer Haushaltung etwas liegt, so musst du …

Bemerkenswert ist, dass Anton Eggel seinem Sohn Paul schon kurz nach dessen Abreise nach Argentinien schreibt. Warum, das wird sich in der Folge zeigen; jedenfalls war es nicht in erster Linie väterliche Sorge um dessen Wohlergehen. Zwischen Paul und Onkel Josef, er war 13 Jahre jünger als Pauls Vater, bestand in San Geronimo von Beginn weg ein Vertrauensverhältnis. Paul stand ihm emotional nahe und fühlte sich am neuen Ort wohl. Die Beziehung zu «Etter»7 Josef dürfte auf die frühe Kindheit zurückgehen, als dieser noch in Naters wohnte. Die Brüder Anton und Josef waren, was später deutlich wird, gegensätzliche Charaktere. Beide hatten das Lehrerseminar in Sitten besucht, Anton im Jahr 1851, sein Bruder ein paar Jahre später. Anton war eine Zeitlang Lehrer in Naters; im Schuljahr 1854/55 zum Beispiel unterrichtete er 71 Schüler und wurde mit 85 Franken entlöhnt.8 Damals dauerte das Schuljahr nur fünf Monate; Lohn bekamen die Lehrpersonen nur während dieser Zeit. Über Josefs Lehrtätigkeit in Naters ist nichts bekannt, aber er gründete die Schule in der Kolonie. Höchstwahrscheinlich stand Paul mit ihm schon länger im brieflichen Kontakt. Vielleicht emigrierte er nicht zuletzt deshalb, weil zwischen ihnen ein Vertrauensverhältnis bestand.

Statt der Geschichte weiter vorzugreifen, will ich jetzt auf den ersten Brief eingehen. Geschrieben wurde er am 11. April 1877. (Die Jahre zuvor, 1871-1876, war Anton Eggel zum zweiten Mal Gemeindepräsident gewesen.) Die Anrede lautet «Liebster Sohn Paul!» Inhaltlich bleibt der Text in vielem rätselhaft, was einerseits am gedanklichen Durcheinander, andererseits auch daran liegt, dass Dörfliches angesprochen wird, mit dem sein Sohn vertraut war, uns heute jedoch höchstens halbwegs verständlich ist. Gleichwohl lässt sich eine Grundthematik herauslesen: Paul ziehen zu lassen, sei für ihn, den Vater «eine schwere Aufgabe» gewesen. Auch darum, so der Vater, «weil ich den besten Trost an dir habe». Bezüglich Bildung und Ausbildung habe er ihn stärker gefördert als die anderen Kinder. Er attestiert Paul bessere kognitive Fähigkeiten als seinen Brüdern Johann und Moritz.9 (Über das geistige Potenzial von Töchtern und Frauen äusserten sich Männer zu dieser Zeit in der Regel nicht.) Und er meint, daraus solle Paul rasch finanziellen Nutzen ziehen. Er kommt auch gleich zur Sache: Wenn es ihm am neuen Ort nicht besser gehe als in Naters, solle er versuchen, «einen Platz im Kloster oder bei einem Herr zu bekommen», damit er «die Reise gleich bezahlen» könne. Ob er die Hin- oder die Rückreise meint, bleibt offen. Wie man das auch immer deutet, Paul scheint die Zeit, während der sein Vater Gemeindepräsident war, nicht in besonders guter Erinnerung zu haben. Dass der Vater Materielles überaus stark betont, könnte ebenfalls Anlass gewesen sein, zum Onkel nach Argentinien zu emigrieren.

Anton Eggel belastet zu diesem Zeitpunkt ein finanzielles Problem. Er werde von einem Mann namens Salzmann geplagt, in Kürze eine bestimmte Summe (zurück)zuzahlen. Von diesem heisst es gegen Ende des Briefes: «Unsers Marie kommt jetz vom Salzmann fort. Er hat die Kammermagd auf Bellalp angespant.»10 Um zu verstehen, muss man spätere Briefe heranziehen: Hansmartin Salzmann führt im Bergdorf Blatten11 ein Hotel und hat dort bis kurz zuvor Anton Eggels Tochter Marie Arbeit gegeben. Nachdem er eine Kammermagd aus Belalp geholt und geheiratet hat, braucht er Marie anscheinend nicht mehr. Anton Eggel schuldet dem Gastwirt Geld. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Arbeit seiner Tochter mithelfen sollte, den Schuldbetrag zu verringern oder zumindest den Rückzahlungs-Zeitraum hinauszuschieben. Wie auch immer, jedenfalls dränge Salzmann nun, da das Arbeitsverhältnis aufgelöst ist, auf rasche Rückzahlung.

Auch über einen Brief an Pauls Bruder Johann äussert sich der Vater: «Ich habe dem Johan geschrieben als er noch in Altdorf war,12 das [!] ich ein Kaufmann von Einsiedeln wisse für unser Vermögen, u der schreibt mir zurück, das Gut sei mein, aber ob er in Amerika gehe, das sei ein Zweites.» Das klingt ebenso kryptisch wie der zuvor zitierte Satz. Was klar ist: Johann lebte und arbeitete eine Zeitlang in Altdorf und dachte anscheinend wie Paul ans Auswandern. Um auch den Rest zu verstehen, greife ich auf den Brief vom Februar 1878 voraus. Da heisst es, der Familie Eggel sei es unmöglich nachzukommen; ihre Sache sei «hier viel zu weit ausgedehnt», so dass sie «mit viel zu grossem Verlust» davonkämen. Im Rückschluss lässt sich die Stelle im ersten Brief so verstehen, dass Anton Eggel mit seiner Familie ebenfalls auswandern wollte. Und zwar erstaunlicherweise während seiner Zeit als Gemeindepräsident. Um zuvor die Vermögenswerte zu veräussern, brauchte er einen Käufer; diesen fand er vermutlich im Kaufmann von Einsiedeln. Dabei hätte er auch Land verkauft, das womöglich Johann als Pachtland und/oder späteres Erbe zugedacht war. Johanns Antwort: Der Boden gehöre ja noch immer ihm, dem Vater, also habe der über den Verkauf zu entscheiden. Und was die Emigration betreffe, seien die Würfel noch nicht gefallen. (In der Annahme, auch Johanns Wegzug nach Argentinien sei nicht mehr fern, würde der Vater auch dieses Gut zum Verkauf angeboten haben.) Wenn Eggel jetzt schreibt, Emigration sei für ihn kein Thema mehr, da die Sache, die er am Laufen habe, «weit ausgedehnt» sei, lässt dies den Schluss zu, dass die Schulden bei Salzmann nicht existenzbedrohend sind oder waren.

Was erfährt man weiter aus dem Brief? Zum einen, dass die Familie Eggel in Naters das Salzmonopol innehat und Frau Eggel nicht gewillt ist, es abzugeben, Auswanderungspläne also nicht unterstützt. Zum andern, dass er im «Prozess mit Jodri alles rein gewonnen» habe. (Während der Zeit als Gemeindepräsident war er also nicht nur mit Auswanderungsplänen beschäftigt, sondern führte auch einen Prozess.) Von grösserer Bedeutung ist die Nachricht, dass am 1. Juni gleichen Jahres die Eisenbahn nach Brig komme.13 Mit der Eröffnung der Bahnlinie ergaben sich vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten sowohl in Brig als auch in Naters mit seinem bereits touristisch erschlossenen Gebiet Belalp. Das war in sozioökonomischer Hinsicht eine Zäsur auch im Kontext der Emigrationsthematik.

In den ersten zwei, drei Jahren nach Pauls Ankunft in Argentinien gab es einen regen Briefwechsel zwischen ihm und der Familie im Wallis. In den Texten finden sich zahlreiche Verweise darauf; insbesondere schreibt Anton Eggel, wie häufig er nach San Geronimo schreibe, nicht nur seinem Sohn. Er nimmt jeweils auf Pauls Briefe Bezug, so dass man auch über dessen Leben und Absichten das eine und andere erfährt.

Die zehn Monate bis zum Brief vom «12ten Hornung 1878» scheinen in Eggels Familie ereignisreich gewesen zu sein. Er tritt dem Sohn gegenüber sehr selbstbewusst auf. Hier eine Passage daraus:

[…] Ich habe mich auf guten Fuss gestellt, ich habe seit dem über 2'000 Fr. abgezahlt, habe Speicher und Keller eingefült, habe ausgezeichneten guten Wein / das viele Briger können trinken. Ich habe viel zu schaffen, habe wieder Unternehmung – Steine zu bereiten für den Bahnhoff in Brig.14 Ich habe den Prozes mit dem Etter Joseph reingewonnen; jetzt habe ich gefunden das der Platz neben des Etter Josephs Haus mein ist, wo wir das nächste Jahr ein Haus bauen werden, ich habe schon Baumaterial zubereitet u mit dem Maurermeister Tschugatti abgemacht u schon eine Summe darauf abverdient. Darum sage ich dir / wenn wir dir lieb sind u dich an unserer Haushaltung etwas liegt, so musst du unverzüglich trachten dich auf die Rückreise zu begeben u uns hier behilflich sein. Sage dem Etter Joseph / das es ihm solle daran gelegen sein u dich wieder in die Heimat zu deinen Eltern senden, damit du uns hier beistehen kannst. […]

Der Nachbau des Briger Bahnhofsgebäudes. Ab hier gelangte man mit der Postkutsche auch zum Grandhotel in Gletsch.
Der Nachbau des Briger Bahnhofsgebäudes. Ab hier gelangte man mit der Postkutsche auch zum Grandhotel in Gletsch.

(Quelle: Dieses und die folgenden Fotos wurden mir – wo nicht anders vermerkt – von Ignaz Eggel, Naters zur Verfügung gestellt.)

Das noch freie Umgelände liess den imposanten Bahnhof damals noch mächtiger erscheinen.
Das noch freie Umgelände liess den imposanten Bahnhof damals noch mächtiger erscheinen.
Und so sah das von Eggel genannte erste Bahnhofgebäude in Brig aus. Die Aufnahme zeigt eine heruntergekommene Baute mit verblassten Schriftzügen. Dass das Gebäude noch stand, als der neue Bahnhof (der mit dem Lötschbergtunnel nun zu einem Durchgangsbahnhof geworden war) schon längst genutzt wurde, war möglich, weil die Geleise ursprünglich weiter westlich endeten. Im Unterschied zum imposanten neuen Bahnhof war der erste Bahnhof ein reiner Zweckbau, jedoch mit der typischen Schrift sowie den Fachwerk-Elementen. In alten, stilgerecht restaurierten Bahnhofgebäuden sieht man beides bis heute.. (Quelle: Archiv SBB Historic.)
Und so sah das von Eggel genannte erste Bahnhofgebäude in Brig aus. Die Aufnahme zeigt eine heruntergekommene Baute mit verblassten Schriftzügen. Dass das Gebäude noch stand, als der neue Bahnhof (der mit dem Lötschbergtunnel nun zu einem Durchgangsbahnhof geworden war) schon längst genutzt wurde, war möglich, weil die Geleise ursprünglich weiter westlich endeten. Im Unterschied zum imposanten neuen Bahnhof war der erste Bahnhof ein reiner Zweckbau, jedoch mit der typischen Schrift sowie den Fachwerk-Elementen. In alten, stilgerecht restaurierten Bahnhofgebäuden sieht man beides bis heute.. (Quelle: Archiv SBB Historic.)

Zurück zum Brieftext: Dass Eggel in der Zwischenzeit 2'000 Franken «abgezahlt» hat – vermutlich dem im ersten Brief genannten Salzmann –, lässt den Schluss zu, dass er über beträchtliche Finanzen oder Finanzquellen verfügt. Welcher Kaufkraft diese Summe entsprach, lässt sich abschätzen, wenn man die Entlöhnung der Lehrkräfte vergleichend heranzieht. Erstaunlich ist, dass sich Eggel als Unternehmer weit übers bäuerliche Gewerbe hinaus präsentiert. Wobei feststeht, dass die Familie Eggel neben dem Bauernhof eine Wirtschaft betreibt, einen Krämerladen mit angegliedertem Salzdepot führt und auch im Steinmetzgewerbe aktiv ist. Dass Anton Eggel Schulden dieser Grössenordnung zurückzahlen kann und gleichzeitig wirtschaftlich vorankommt, lässt sich mit Blick auf das breite Geschäftsfeld nachvollziehen. Womöglich hat er im früheren Brief bewusst tiefgestapelt, um beim Sohn bestimmte Gefühle zu wecken. Stutzig macht der vor Gericht ausgetragene Konflikt wegen dem «Platz neben des Etter Josephs Haus». Er meint, der Platz gehöre ihm. Es lässt sich nicht zweifelsfrei klären, ob er gegen den Bruder oder mit diesem gegen einen Dritten um ein Stück Boden prozessiert, wahrscheinlicher ist, dass sein Bruder Josef (wohl ungewollt) der Kontrahent ist (was im Übrigen auch bedeutet, dass dieser in Naters nach wie vor Hausbesitzer ist). Falls ich das richtig deute, prozessierte Anton Eggel gegen den Mann, bei dem sein Sohn in der argentinischen Kolonie gastliche Aufnahme gefunden hat! Und der soll nun unverzüglich dafür sorgen, dass der Neffe ins Wallis zurückkehrt. Das schreibt er nicht dem Bruder, sondern dem Sohn. Im Sinne von: Lass dir bitte von meinem Bruder die Heimreise organisieren! Seiner Behauptung nach sei Paul vom Onkel nach Argentinien gelockt oder, anders gesagt, ihm «aus dem Haus geraf[f]t» worden. Er sei jedenfalls geschickt genug, um für Paul «bei der Regierung eine Freikarte» zu beschaffen. Er könne ja behaupten, Paul reise ins Wallis, um weitere Kolonisten nach Argentinien zu holen. Zudem provoziert er Paul mit der abfälligen Bemerkung, lernen könne er in Argentinien ohnehin nichts. Falls sie allerdings das Geld für die Rückreise nicht aufbrächten, «so schreibe mir schnell, werde ich sogleich dem Brindlen in Sitten schreiben dich auf meine Kösten lassen kommen / das wäre ein schöner Vorschlag von uns.» Gegen Ende des Briefes versucht er Paul erneut moralisch unter Druck zu setzen: Falls er trotz allem «in Amerika» bleiben wolle, solle er ihm das möglichst rasch mitteilen, so dass er seine «Hoffnungen in die Tiefe des Meeres werfen» könne.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Anton Eggel als geschäftstüchtiger Mann überaus selbstbewusst auftritt Er dürfte sich gewohnt sein, seine Ziele durchzusetzen, selbst gegen den eigenen Bruder. Als jemand, der zweimal während insgesamt sechs Jahren Gemeindepräsident war, Ersatzmann für den Grossen Rat ist und im Kreis Naters das Zivilstandsamt führt, geniesst er Einfluss übers Normalmass hinaus. Er ist im Übrigen nicht nur geschäftlich und politisch aktiv; beim Sonntagsgottesdienst spielt er Orgel, geht auf die Jagd und ist ein erfolgreicher Alpinist. So wurde er im Sommer 1862 als Bezwinger des Aletschhorns gerühmt. Am 5. August 1862 schrieb «Der Bund» unter dem Titel «Neueste Hochgebirgstouren»: «Neue Route am Aletschorn: Am 15. Juli 1862 haben die Jäger Anton Eggel, Emanuel Ruppen und Moritz Jossen aus Naters eine neue Route entdeckt, und zwar von der Belalp nach der Aletschhornspitze und zurück an einem Tag.» (Die Erstbesteigung war drei Jahre zuvor dem Briten Francis Fox Tuckett mit den Bergführern Josef Benet von Steinhaus, Peter Bohren aus Grindelwald und Victor Tairraz aus Chamonix in einer zweitägigen Tour vom Hotel Eggishorn aus via Märjelensee Richtung Mittelaletschgletscher über den Nordostgrat gelungen. Der Gruppe mit Eggel gelang der Aufstieg über den Süd-West-Grat.)15

Leider gibt es keine Hinweise auf Pauls Antwort auf den Brief vom Februar 1878. Den nächsten schrieb der Vater im Januar des Folgejahres. Darin schlägt er einen versöhnlichen Ton an. Paul und Onkel Josef fühlten sich vom Inhalt des letzten womöglich in einer Weise provoziert, dass sie entsprechend geantwortet haben. Eggel zeigt sich jedenfalls erfreut darüber, von Paul im vergangenen November einen Brief erhalten zu haben. Zugleich formuliert er das Bedauern, dass einzelne seiner Briefe anscheinend in der Kolonie nicht eingetroffen seien. Die Forderung, Paul solle «so schnell wie möglich zurückkommen», hält er aufrecht, formuliert sie diesmal jedoch weniger apodiktisch. Dafür legt er den Zeitrahmen fest, Paul solle gleich nach der ärnthezeit zurücksein*.* Falls das Geld fehle, werde er es besorgen.

Von Textkohärenz ist auch hier wenig zu bemerken; Familiäres, Dörfliches und Geschäftliches, alles ist in zufälliger Abfolge hingesetzt. Wiederum setzt er auf emotionalisierende Druckmittel: Die Mutter und der Grossvater seien untröstlich und würden seit seinem Wegzug «alle Tage» weinen, wobei der alte Mann noch immer hoffe, den Enkel vor seinem Ableben nochmals zu sehen. Wie Einsprengsel daherkommend, werden Appelle dieser Art gezielt eingesetzt. Immerhin vergisst Eggel nicht, eine Paul betreffende Neuigkeit anzusprechen. Dieser habe ihm «einmal geschrieben», er lerne «beim Etter Joseph die Noten» lesen. Seine Reaktion: Das habe ihn sehr gefreut. Mehr schreibt er darüber nicht; schon mit dem nächsten Satz ist er bei einem anderen Thema: «Das kleine Buwisi sagt uns alle Tage du habest ihm geschrieben u lasst dich grüssen u wir auch lassen dich u alle grüssen […]». Echte Anteilnahme sähe anders aus, zumal Eggel selbst mit dem Orgelspiel vertraut ist und sein Sohn über etwas berichtet, was ihn dem Vater näherbringen könnte. Bedeutungsvoll ist es auch für sein Selbstwertgefühl. Tatsächlich lernt Paul mit Unterstützung des Onkels Kirchenorgel spielen. Dies kann auch als Reaktion auf die Bemerkung des Vaters verstanden werden, in der Kolonie werde er nichts lernen. Auf welche Kompetenzen der Vater setzt, illustrieren die eher despektierlichen Äusserungen über Pauls Geschwister: Moritz sei «ein guter Arbeiter», fürs Lernen jedoch «nichts»; Johann komme kaum mehr vorbei; ihm habe er «das Blatten zum Lehen gelassen»; für weiteres möge dieser «selbst sorgen». Und Marie sei häufig krank. (Gemäss Zivilstandsamt Brig hatte die Familie Eggel vier Söhne und zwei Töchter. Einer von Pauls Brüdern starb im Alter von 21 Jahren.)

Gegen Ende des Briefes lässt Eggel nebst ein paar Leuten auch seinen Bruder Josef grüssen. Paul solle ihn fragen, was er auf den Brief antworte, den er «ihm durch die Gommer habe zukommen lassen». Wie es scheint, hat er gegen Josef wegen eines Bauplatzes erfolgreich prozessiert. Beim Brief handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um das amtliche Dokument mit dem Gerichtsurteil. Dass der Sohn den Onkel nach dessen Reaktion fragen soll, zeigt, wie schwierig die Beziehung der zwei Brüder zueinander ist. – Der Brief schliesst mit einer diffusen Ankündigung: Ein grösseres Geschehen stehe bevor, es betreffe ein Stück Land «auf Bellalp». Genaueres erfahre Paul aber erst «hier», d.h. wenn er zurück sei.

Bei diesem Bild dürfte es sich um das einzige erhaltene Foto von Anton Eggel handeln. Ignaz Eggel hat es im Buch «Der Aletschgletscher und seine Umgebung» von Daniel Baud-Bovy (1870-1958)16 entdeckt. Dieses enthält Reiseeindrücke aus dem Oberwallis. Der Kontext zum Bild schildert Eindrücke von Naters; es heisst da unter anderem: Es kommen Männer mit Pfeifen und Cigarren im Munde, deren Glut dann und wann wie ein Blitz die wetterfesten Züge ihrer Gesichter erhellt. Einer von ihnen ist der Alt-Bürgermeister von Naters, ein Alpenbezwinger, hat er doch im Jahr 1862 als der erste das Aletschhorn bestiegen. Er ist musikalisch und spielt am Sonntag in der Kirche die Orgel; […]

Jetzt bin ich schön gesund u Unterstützung habe ich genug

Nur zwei Monate später, am 18. März 1879, folgt das nächste Schreiben aus Naters, diesmal an den liebwerthen Bruder gerichtet. Tatsächlich ist es eine Antwort auf einen Brief von Josef Eggel, der aber nicht an ihn, Anton, sondern an Felix Walker adressiert war. Gleich zu Beginn heisst es: «Ich bin ganz vergnügt von der Anstellung die du meinem Sohn in St. Fee als Unterkoch verschafft hast.» Das zeigt einerseits, dass Josef Eggel bis anhin nichts unternommen hat, den Neffen für die Rückkehr nach Naters zu bewegen. Andererseits erkennt man, wie situationsagil Anton die Information ins Positive umzudeuten versteht. Falls Paul, fährt er fort, noch in Santa Fe sei, solle er «sich dort gut einstellen, gut lehren [!] kochen u was noch besser ist Englisch lehren. Das wird uns grossen Nutzen bringen. Er muss wenigstens zwei Jahre dort sein.» Abgesehen davon, dass er glaubt, in Santa Fe werde Englisch gesprochen17, trumpft Eggel mit einer Neuigkeit auf, mit der er Josef bezüglich Paul Rückkehr zum Umdenken zu bewegen sucht: Bis in zwei Jahren «werde ich auf der Bellalp ein schönes Hotel aufgebaut haben / das weit schöner ist als das [des] Herren Klingele.» Darüber habe er ihn schon im letzten Brief informiert, aber es solle «immerhin geheim bleiben». Paul gegenüber habe er das im Brief vom Januar erst angedeutet, ihn hingegen schon genauer informiert. Auch wenn er jetzt das Geheimnis lüftet, betont er, das Projekt solle vorderhand geheim bleiben. Gründe dafür nennt er nicht. Weiter heisst es, die Burgerschaft Naters habe ihm im Jahr zuvor «6 Fischel Boden verkauft für [einen] Bauplatz auf der Alpe unterhalb […] Klingeles Eigenthum» (Das entsprach einer Fläche von knapp 3'500 Quadratmetern.) Dagegen hätten Klingele und Salzmann bei der Regierung Einsprache erhoben. (Klingele ist bekanntlich Hotelier auf Belalp, Salzmann in Blatten.) Dies habe zu «einem grossen Prozes» mit hohen Anwaltskosten geführt. Klingele, vertreten durch den Sittener Anwalt Grawen, habe es über 3000 Franken gekostet, ihn mit Anwalt Inalbon 400. Er habe gewonnen; das Gericht habe die Einsprache abgewiesen. Zu verdanken habe er dies dem Staatsrat18 Walther und seinem Anwalt. Bereits auf den Hotelneubau vorausweisend, umschmeichelt er den Bruder mit dem Vorschlag, er solle doch ebenfalls ins Wallis zurückzukehren und «auf der Alpe eine schöne Gesundheit» geniessen. Er setzt auf Versöhnung, insbesondere was den Zwist im Zusammenhang mit Pauls Auswanderung angeht. Das habe ihnen vor allem deshalb «weh gethan», weil sie selbst nicht hätten nachkommen können. Josef erfährt auch noch, dass Anton erneut einen Prozess führt. Die Rhetorik insgesamt zielt indessen darauf ab, den Bruder zu besänftigen respektive für sich einzunehmen. Das versucht er auch übers Gesundheitsmotiv: Vergangenen Herbst sei er «zu dem Weibe» gegangen, die habe seine Krankheit gleich erkannt. «Jetzt bin ich schön gesund u Unterstützung habe ich genug». Die Frau könne ihm, Josef, bestimmt auch helfen. (Zu diesem Zeitpunkt ist Josef 40-jährig.) So hofft er, ihn als Vermittler zu gewinnen. Er solle seinem Sohn alles sagen, ihn aufmuntern und davon überzeugen, dass die Spekulation gewiss gut ausgehe. Immerhin würden ihn alle, sogar die «besten Herrn» unterstützen. Das sei schliesslich auch für seine «Nachkommenschaft von grossem Nutzen».

Mit dem bisherigen Kenntnisstand stellen sich zumindest zwei Fragen: Kann ein zweites Hotel auf Belalp erfolgreiche betrieben werden, und wie kann Eggel den Bau finanzieren? Antworten erhält man aus den Briefen nicht. Was indessen auffällt: Pauls Vater scheint geradezu besessen zu sein von der Möglichkeit, den Hotelier Klingele, aber auch Salzmann in Blatten auszustechen. Die Gründe, warum ihm beide verhasst sind, bleiben im Dunkeln.

Was Anton Eggel im Brief an den Bruder ebenfalls unerwähnt lässt, ist die Tatsache, dass der Landkauf auf Belalp ein politisches Nachspiel hatte. Im Brief findet sich bloss der Hinweis, er sei neben seinem Anwalt auch von Walther, dem Präsidenten des Staatsrats, unterstützt worden.

Auf die politische Auseinandersetzung aufmerksam gemacht wurde ich von Ignaz Eggel. Bei einer Recherche stiess er in der «Gazette du Valais» vom 31. Dezember 1879 auf einen fast zwei Seiten umfassenden Artikel. Es handelt sich um den nahezu stenografisch genauen Bericht zur Debatte im Grossen Rat über Anton Eggels Landerwerb auf Belalp. Ins Deutsche übersetzt, heisst es da einleitend:

Vierzig Burger der Gemeinde Naters legen Berufung gegen einen Entscheid des Staatsrats ein, mit dem der Verkauf von Burgerland auf der Bellalp19 genehmigt wurde. Dieser Entscheid wurde von der Burgerversammlung von Naters am 21. Juni 1878 zugunsten von Anton Eggel gefasst. Unter dem Vorwand einiger Unregelmäßigkeiten, die sich angeblich während der Sitzung der Burgerversammlung ereignet haben, und gestützt auf Artikel 14 des Gesetzes über die Gemeindeordnung verlangen die Gesuchsteller eine erneute Einberufung und Abstimmung dieser Versammlung und in jedem Fall den Verkauf dieses Bodens in einer öffentlichen Versteigerung.

Der Staatsrat ist der Ansicht, dass diese Frage aufgrund verschiedener einschlägiger Bestimmungen der Verfassung und der Gesetze in seine ausschließliche Zuständigkeit fällt und dass keine gesetzliche Bestimmung die Formalitäten für Versteigerungen für Verkäufe dieser Art vorschreibt; deren Angemessenheit und Zweckmäßigkeit liegen in seinem Ermessen; er kommt zu dem Schluss, dass die Berufung abgewiesen werden sollte.

In der anschliessenden Diskussion, in der sich neben mehreren Grossräten auch der Staatsratspräsident Walther sowie sein Vize zu Wort meldeten – vom Berichterstatter alles zum Teil wörtlich wiedergegeben – ging es zentral um die Frage, ob der Grosse Rat überhaupt die Kompetenz habe, den Entscheid des Staatsrates zugunsten von Anton Eggel infrage zu stellen oder sogar umzustossen. Zuerst nahmen die im Brief von Eggel genannten Anwälte Grawen und Inalbon (beide offensichtlich auch Grossräte) Stellung zu dem von einer Kommission vorberatenen Geschäft. Grawen wies unter anderem darauf hin, dass «Herr Klingele den Platz, auf dem sein Hotel steht, von der Burgerschaft Naters kaufte». Dabei habe er für eine bestimmte Anzahl Jahre «ein Monopol auf dieses Gewerbe garantiert» bekommen. Klingele werde diesen «Anspruch geltend machen und die Burgerschaft verklagen». Demgegenüber argumentierte Inalbon, gegen den Entscheid des Staatsrats sei «keine Berufung» möglich. Ausserdem sei der Preis für das Grundstück von der Urversammlung festgelegt und von Eggel angenommen worden, während Klingele 3'000 Franken geboten habe mit dem Ziel, «jegliche Konkurrenz auszuschalten». Der Grossrat solle die Beschwerde auch darum abweisen, «um den Wettbewerb auf der Bellalp zu fördern». In der Folge wechselten sich Pro- und Kontra-Argumente ab, mit leichtem Übergewicht zugunsten des Staatsrats. Einer der Grossräte machte Grawen beispielsweise darauf aufmerksam, dass er in einer anderen Angelegenheit, wo es um Zermatt ging, Wettbewerb habe etablieren wollen. «Warum sollte das nicht auch für Naters oder Bellalp gelten? Monopole verdrängen Konkurrenten; das ist es, was Herr Grawen im vorliegenden Fall wünscht». Vorgebracht wurde jedoch auch, ein Schweizer Bürger könne «gegen einen Entscheid des Bundesrates an die Bundesversammlung appellieren, ein Walliser hingegen nicht gegen einen Entscheid des Staatsrats». Die Beschwerde wurde schliesslich abgelehnt, der Verkauf des Grundstücks auf Belalp also für rechtsgültig erklärt.

Wärst du hier geblieben, so wäre ich warscheinlich auch noch ledig

Dass gerade mal ein Monat verstreicht, bis der nächste Brief nach Argentinien abgeht (18. März 1879), ist kaum Zufall. Verfasser ist Pauls Bruder Johann. Zentrales Motiv ist auch hier Pauls Rückkehr. Johann fordert sie geradezu ultimativ. Ein früherer Brief vermittelte den Eindruck, auch Pauls Bruder spiele mit dem Gedanken zu emigrieren. Aus seiner Feder hört es sich anders an. Er schreibt: «… das du nach Amerika reisen wolst, das hat mir nicht gefallen». Er habe damals in Altdorf davon erfahren. Paul habe doch wissen müssen, dass er der Familie damit schade. Ihn ärgert ebenso, dass er von ihm bisher keinen Brief erhalten hat; das heisse wohl, Paul habe ihn vergessen. So sehe er sich gezwungen, ihm «einige zeichen zu übersenden». Auch wenn der Text mit «Vielgeliebter Bruder» einsetzt, ist darin abgesehen von floskelhaften Wendungen von emotionaler Nähe wenig zu spüren. Über Johann selbst erfährt man, dass er mit Sofia Zenklusen verheiratet ist, zwei Kinder hat, einen Sohn und eine zehn Tage alte Tochter. Auf dem Pachtland habe er jetzt «drei Kühe zwei Ziegen 1 Kalb 1 Schwein 2 Schaaf / dieses ist mein ganzes Vieh.» Der Vater mit seinem weit grösseren Viehbestand sei mit Arbeit überlastet. Die Feldarbeit wollten er und Moritz schon machen, aber darüber hinaus gehe es ohne Pauls Mithilfe nicht, «absonderbar wen dem Vater die Spekolation gut ergeht […] auf der Bellalp». Dazwischengeschoben ist noch ein Teilsatz sonderbaren Inhalts: «[…] wärst du hier geblieben so wäre ich warscheinlich auch noch ledig». Johanns Äusserungen münden in die rhetorische Frage, ob es nicht seine «Pflicht sei, zu deinen Eltern zu zurückzukommen». Umso mehr, als die Mutter «über ihr liebes Kind» ständig weine.

Bezüglich Grundhaltung tickt Johann ähnlich materialistisch wie sein Vater. Er schimpft z.B. über Verwandte, die eine Heirat planten, weil sie «die Vertheilung umwerfen» wollten. Es geht ums Erben, aber was genau eine Heirat ändern würde, bleibt unklar. Offensichtlich befürchtet Johann, eine vom Vater eingefädelte Erbteilung könnte wegen einer Eheschliessung umgestossen werden. Immerhin seien inzwischen Grossvaters «Wiesen und Äcker» an den Vater vererbt worden. Wenn sie nun auch noch das erhoffte Stück Land dazubekämen, «so können wir uns den [dann] glücklich machen wenn wir wollen, den kennen wir den Geld genug machen». Wenn auch unbeholfen formuliert, so ist der Sinn doch eindeutig: Wenn die Erbteilungen einst so über die Bühne gehen, wie geplant oder erhofft, dann seien sie fortan finanziell frei von Sorgen. Die Vermutung liegt nahe, dass Anton Eggel eine Art Schuldenwirtschaft betreibt, also Geschäfte tätigt, für die er sich Geld ausleiht. – Bevor Johann den Bruder noch bittet, bestimmte Bekannte und Verwandte in der Kolonie zu grüssen, zählt er auf, wer kürzlich verstorben ist und wer sich verheiratet hat. Auch über die Schwester «Mari» schreibt er – ziemlich hämisch: Sie sei «immer noch die gleiche / sie sagt sie wolle sich jetzt dan im Herbst [ver]heiraten aber Gott weiss ob der Schmidt sie nimmt». Der Spott erklärt sich wohl aus dem Umstand, dass die 29-Jährige noch ledig ist. (Tatsächlich heiratet sie wenig später den Bauernknecht Anton Schmidt. Ihr Vater bemerkt in der Folge, nun bekämen sie eine weitere Arbeitskraft.) Weil auch die Mutter den Brief unterschreibt, erfährt man erstmals ihren Namen: Katharina.

[…] ich habe einen solchen Muth das ich nicht davon zu bringen bin […]

Im Jahr 1879 gingen zwischen Naters und der argentinischen Kolonie besonders viele Briefe hin und her. Vorhanden sind davon noch fünf oder sechs, aber da bei zweien die Monatsangabe, bei einem auch das Jahr fehlt, bleibt die Chronologie unsicher. Ich greife darum der Geschichte vor: Paul Eggel dürfte im Februar oder März 1880 ins Wallis zurückgekehrt sein. Wie sich in den letzten Briefen aus Naters zeigt, gibt es von einer Ausnahme abgesehen allerdings auch 1879 keine Anzeichen dafür, dass er an Rückwanderung dachte. (Einmal soll er geschrieben haben, er kehre erst dann zurück, wenn er das Reisegeld selbst verdient habe.) Der Vater reagiert unterschiedlich. Als er in im Brief vom Mai (vermutlich 1879) «gesehen habe, dass du schon andern Gedanken hast als zurückzukommen u deinen Eltern in ihren alten Tagen Hilfe u Trost zu leisten», ist seine Reaktion: «Nun es ist einmal so, dass ich mich an meinen Kindern trompiert habe / selbes hätte ich schon längsten können sehen, aber den habe ich immer gedenkt es muss besser gehen, es muss besser gehen, aber was ist zu thun / ich mag denken ich sei selbst die Schuld weil ich nicht bessere Disziplin mit euch gehalten habe.» Was wie Resignation klingt, ist in Tat und Wahrheit eine implizite Beziehungsbotschaft: ‚Du bist ein missratener Sohn, wenn du nicht weisst, welche Verpflichtungen du den Eltern gegenüber hast.' Dem folgt eine moralische Zurechtweisung anderer Art. Dass er in San Geronimo Heiratsabsichten habe, könne man akzeptieren, «aber deine Base zu heurathen / selbes ist nicht glücklich so wie man hier sagt».20

Im undatierten Brief, aus dem bereits zitiert wurde, zeigt er sich bezüglich Pauls Desinteresse an einer Rückkehr gelassener, so, als ob er sich damit abgefunden hätte. Gleichwohl sendet er weiterhin Lockrufe, im Sinne von: Du weisst gar nicht, was du verpasst, wenn du in «Amerika» bleibst! Eggel hatte eine klare Vorstellung bezüglich einer künftigen Arbeitsteilung: «Da hättest du in der Buttig [gemeint ist der Krämerladen] kennen schaffen u ich mit Arbeitern auf dem Feld». Und da er auf Belalp ein Hotel bauen wolle, hätte Paul in Naters «kennen wirthen u krämern», während er die Bauarbeiten kontrolliere. Das Hotel, hält er einmal mehr fest, werde das von Klingele weit übertreffen.

Das vom Briger Tourismus-Pionier Leopold Bürcher erbaute und 1858 eröffnete Hotel Belalp. In den 1860er-Jahren ging es ganz in den Besitz von Gervas Klingele über. 1885 wurde eine Dépendance gebaut und die Bettenzahl auf 70 erhöht. Baufällig geworden, wurde diese 1999 abgerissen. -- Die Gäste kamen in den Anfängen hauptsächlich aus England. Für sie liess Klingele 1883/84 eine anglikanische Kapelle errichten. Seit 1993 gehört das Hotel der Burgerschaft Naters. (Quelle: Burgerschaft Naters.)
Das vom Briger Tourismus-Pionier Leopold Bürcher erbaute und 1858 eröffnete Hotel Belalp. In den 1860er-Jahren ging es ganz in den Besitz von Gervas Klingele über. 1885 wurde eine Dépendance gebaut und die Bettenzahl auf 70 erhöht. Baufällig geworden, wurde diese 1999 abgerissen. -- Die Gäste kamen in den Anfängen hauptsächlich aus England. Für sie liess Klingele 1883/84 eine anglikanische Kapelle errichten. Seit 1993 gehört das Hotel der Burgerschaft Naters. (Quelle: Burgerschaft Naters.)
Wie Hotelgäste auf Tragstühlen transportiert wurden. (Quelle: Burgergemeinde Naters.)
Wie Hotelgäste auf Tragstühlen transportiert wurden. (Quelle: Burgergemeinde Naters.)

An einer anderen Stelle betont er, dass er in Naters nun in einer Position sei, aus der heraus er und Paul, falls er doch heimkomme, den wirtschaftlichen Erfolg einheimsen könnten. Im gleichen Atemzug kommentiert er Pauls Bemühen, sich im Orgelspiel zu üben: «Die Orgel zu schlagen wird dich nicht viel mehr nützen.»

Ein Teil des Briefes sei hier wiedergegeben:

Naters, den […] 187921

Liebwerthes Kind!

[…]

ich habe dir das letzte Mal alles geschrieben was sich seither in unserer Haushaltung zugetragen hat, das der Grossvater gestorben sei u wir unser Vermögen in Boden erhalten haben, wiewohl sie die Vertheilung umstürtzen wollen, weil das Lehni darein kommen will u der Salzmann mächtig daran arbeitet. Ich habe dir auch geschrieben / wie es mit dem Hottall auf Bellalp ist das ich gewiss bauen werde u Unterstützung gute genug habe, welche ich dir aber erst später sagen werde. Ich sage dir wie ich das letzte Mal geschrieben habe / ich habe einen solchen Muth das ich nicht davon zu bringen bin u kann es auch nicht weil es jetz eine Zeit ist die man muss benutzen, Herr Klingele wird dieses Jahr das Haus müssen verkaufen u habe von meinen Kameraden den Auftrag es […] für 15000022 Franken abzumachen, er sieht es [dass es] bös

geht mit ihm, er ist alle Tage besoffen. […] Unlängst kam er mit Dindel in Streit u sagte ihm Schweinehund u Lügner worauf ihm Herr Dindel sagt, er werde ihm alle Reisende abhalten u sobald der Eggel hinauf komme für den [werde er] noch mehr thun als das er für Herr Klingele gethan habe / es sei recht / Herr Klingele u Salzmann habe den Eggel von Blatten gejagt u jetz jage der Eggel den Klingele von der Bellalpe. Alle Reisenden sehen / [dass es] oben so schön sei wie nirgends, das ist gewiss / das dort Geld zu machen ist, also sage ich nocheinmal wie im letzten Brief mit dem muss ich u will ich vorwärts, willst du zurück kommen u uns helfen jetz u im Alter freut es uns, willst du aber lieber dort bleiben so ist das deine Sache. Für die Feldarbeit zu machen ist der Johan / der mag so schaffen u wenn das Mari im Herbst heurathet so gibt’s da wieder einer. […]

Eines musst du mir dort besorgen, wir werden gewiss die Korektion bekommen nachher gibt’s viel Grund, da musst du mit dem Etter Jossen, Kasper u Josi u mit Eggel Joh. abmachen; dass sie mir alles u jedes im Schodamsand […] / woran sie Antheil haben mir Abtrethen; das muss so geschrieben sein.

Ich zu Endes unterzeichneter Johannes Eggel Sohn Moritz in Südamerika bescheine hiedurch, dass ich dem Anton Eggel in Naters in Europa in der Schweiz Wallis alle u jede gemeine Rechtinen, welche ich in Naters noch habe möchte im Schodamsand u anderstwo verkauft u abgetreten habe, so das er es für sein Eigenthum ansehen u benutzen kann. Südamerika in der Colonie Gieronimo den … Das muss den der Etter Joh. machen.

Ich denke es werde nicht viel nützen allen Herr so zu schreiben aber alle lasse grüssen, der Joh. Eggel der Bruder Kasper / Doch dem will ich ein Briefchen schreiben. […] Bis das ich Antwort auf diesen Brief habe von dir, gebe ich das Salz und die Werthschrift hier in Naters nicht ab / ob du zurück kommen wollest oder nicht; kommst du so würde man hier viel kennen machen den müsste ja alles Getreide u alles Material von unserm Haus ausgehen auf Bellalp; willst du aber dort bleiben das ist deine Sache / ich will dir noch wehren noch rathen wie ich u die Mutter sind weisst / […]

Nun will ich mein Schreiben enden u hoffen dieser Brief werde dich in guter Gesundheit antreffen.

Deine getreue Natezer Mutter [und ich lassen] alle grüssen.

Ant. Eggel

Auch dieser Brief lässt bezüglich Klarheit einiges zu wünschen übrig, die zentralen Sachbotschaften jedoch sind unmissverständlich. Anton Eggel sieht sich, was Landbesitz und Hotelprojekt angeht, kurz vor dem Ziel. Trotz Salzmanns Störmanöver, mithilfe einer Heirat die eingefädelten Erbschaften umzustürzen, sei alles Land im Gebiet Boden nun sein Eigentum.23 Da offenbar eine Kor[r]ektion (Güterregulierung) bevorsteht, will er die Gelegenheit nützen, den Besitz ein weiteres Mal auszudehnen und zu arrondieren. Dafür brauche er von den vier Geschwistern, die in der Kolonie leben, die Bestätigung, dass sie sämtliche ihrer «im Schodamsand» noch verbliebenen Landanteile ihm abgetreten respektive verkauft hätten, er sie folglich als Eigentum «ansehen u benutzen» könne. Unterschreiben müssten «Kasper u Josi», Johannes und «Etter Jossen», der Ehemann einer Schwester.

Für den Text liefert Eggel die Vorlage. Paul solle sie Antons ältestem Bruder Johannes übergeben, so dass dieser sie abschreibe, unterschreibe und dasselbe die anderen zwei Brüder sowie den Schwager tun lassen. Dass Eggel nicht mit einem der Brüder selbst Kontakt aufnimmt und stattdessen Paul als Bote zu ihnen schickt, verstärkt den Eindruck eines zweifelhaften Vorgehens. In aller Regel verkauften die Walliser Auswanderer vor dem Wegzug Land, Gebäude und Fahrhabe. Auch, um mit dem Erlös die Migration zu finanzieren. Wenn sie später über Erbschaften erneut zu Besitz kamen, wurde dies rechtlich über die Waisenämter abgewickelt. Hier scheint alles anders zu sein. Anton Eggel setzt seine Interessen durch, ohne sich im Vorfeld mit den Betroffenen abzusprechen. Er stützt sich höchstwahrscheinlich auf seine auch von den Geschwistern nicht infrage gestellte Autorität. Was es mit den Landrechten genau auf sich hat, lässt sich den Briefen nicht entnehmen. Denkbar ist, dass die vier Geschwister bei der Auswanderung ihr Land dem Bruder zur Nutzung überlassen haben, ihm dieses jetzt aber (vermutlich entschädigungslos) abtreten sollen. Die Reaktion der Betroffenen ist nicht bekannt. Nach Pauls Rückkehr endet der Briefwechsel. Nachforschungen in den Grundbüchern könnten Antworten liefern.

Im Brief fallen zwei weitere Aussagen auf; die eine: «ich habe einen solchen Muth das ich nicht davon zu bringen bin» - die andere: «mit dem muss ich u will ich vorwärts». Eggel brennt richtiggehend darauf, auf Belalp mit dem Hotelbau zu beginnen. Seiner Darstellung gemäss haben sich alle Vorhaben in einer Weise zu seinen Gunsten entwickelt, dass er sich nicht mehr stoppen lassen will. Er behauptet, dem künftigen Konkurrenten resp. Widersacher Klingele gehe es miserabel; er sei alkoholkrank und gastronomisch am Ende. Was bisher erst spürbar war, tritt jetzt offen zutage: der Gedanke, sich für ein (vermeintliches) Unrecht zu rächen. Er sei einst von Klingele und Salzmann «vom Blatten gejagt» worden «u jetz jage der Eggel den Klingele von der Bellalpe». Das legt er einem «Herr Dindel» in den Mund, womit er die persönlichen Ziele objektivierte.

«Dindel» ist höchstwahrscheinlich die Verballhornung des Nachnamens des britischen Physikers und Alpinisten John Tyndall (1820-1893). Tyndall gehörte zu den Bergpionieren des Matterhorns und bestieg 1861 mit dem in Steinhaus gebürtigen Bergführer Josef Benet (dem wir schon bei Eggels Aletschorn-Erstbesteigung begegnet sind) und einer weiteren Person erstmals das 4505 m hohe Weisshorn. Dass er ihn, wie Eggel schreibt, im Streit mit Gervas Klingele seinen künftigen Gastgeber auf Belalp nannte, ist so unwahrscheinlich nicht, wie es zunächst scheinen mag. Tyndall und seine Ehefrau Charlotte verbrachten viele Sommer auf Belalp. Nach Aufenthalten im Hotel erwarben sie ein Stück Land und liessen eine Villa bauen (heute als Villa Tyndall bekannt). John Tyndall wurde auch Ehrenburger von Naters, vermutlich nicht zuletzt deswegen, weil er sich mit den Einheimischen gut verstand, dem Alppersonal medizinische Ratschlägen gab und ihm persönlichen Medikamenten abgab. Auch mit Anton Eggel dürfte er bekannt, vermutlich sogar befreundet gewesen sein. Als Alpinisten verband sie einiges, so dass anzunehmen ist, dass Tyndall auch über Eggels Hotelpläne informiert war und so auf Klingeles Beschimpfungen reagierte. Nach Tyndalls tragischem Tod von 1893 – seine Frau verwechselte zwei Medikamente, was zu einer tödlichen Überdosierung führte – liess Charlotte Tyndall-Hamilton 1911 auf Belalp ein Denkmal errichten.

Tyndall-Denkmal auf Belalp. (Quelle: Wikipedia.)
Tyndall-Denkmal auf Belalp. (Quelle: Wikipedia.)

Über das wirkliche oder vermeintliche Unrecht, das Anton Eggel in Blatten widerfahren sein soll, weiss heute niemand mehr Bescheid. Wie ich von Ignaz Eggel erfahren habe, baute sein Ururgrossvater im Jahr 1860 – er war damals 34-jährig – in Blatten ein kleines Haus, dessen Erdgeschoss er für den Betrieb einer Wirtschaft nutzte. Wie lange er hier wirtete oder wirten liess, ist nicht bekannt. Es ist nicht auszuschliessen, dass Anton Eggel mit den Gastwirten Klingele und Salzmann deswegen in Streit geriet und das Wirtshaus in der Folge schliessen musste. Das ist Spekulation, aber es würde erklären, warum er sich derart in das Hotelprojekt auf Belalp verbiss.

Das 1860 von Anton Eggel erbauten und eine Zeitlang als Wirtschaft genutzte Haus in Blatten (heutige Aufnahme).
Das 1860 von Anton Eggel erbauten und eine Zeitlang als Wirtschaft genutzte Haus in Blatten (heutige Aufnahme).

Der Herr Seiler, Catrain u Klausen

Die Bemerkung, er sei von seinen Kameraden beauftragt, Klingeles Hotel zu kaufen, rücken die bisherigen Äusserungen plötzlich, aber nicht unerwartet in ein neues Licht. Anton Eggel wäre nicht selbst der Käufer, er handelt vielmehr als eine Art Strohmann bisher anonymer Hintermänner. Wer sie sind, ist noch offen, aber die Vermutung liegt nahe, dass er diese Rolle auch beim Hotelneubau auf Belalp spielt. Entsprechende Unterstützung deutet er an. Textpassagen in einem weiteren ungenau datierten Brief aus dem Jahr 1879 liefern die Bestätigung:

Ganz im Verborgenen will ich dir sagen, wer zu mir steht auf der Bellalpe u du kannst es dem Herrn Etter Josef auch im verborgenen [!] sagen, weil er es so wünscht.

Der Herr Seiler, Catrain u Klausen in Brig haben mir den Antrag gemacht, ich solle trachten auf Bellalp Boden zu bekommen, das wollen wir zusammen stehen u dem Herrn Klingele u Hansmartin Salzmann auf Blatten schon zeigen was heisst einen von Haus und Land stossen. Dieses sage aber andern nicht. […]

Am Schluss des Briefes:

N.B. Du verstehst ja wohl das den die Herrn alles regieren u uns leiten / Der Seiler sagt er wolle den [dann] Leuten genug auf Bellap schicken aber er müsse mich haben weil ich Burger bin u alles billiger von der Gemeinde haben kann u für Geld werde er schon sorgen. Jetzt weist du alles.

Nun versteht man, weshalb er im Kontext des Belalp-Projekts jeweils betont, die Sache müsste vorläufig geheim bleiben. Wer sind die drei Männer Seiler, Cathrein und Klausen (eigentlich Clausen)? Sie sind miteinander verschwägert. Hier kurze biografische Abrisse:

Alexander Seiler (1819-1891), Sohn eines Gommer Bergbauern, bildete sich in Deutschland zum Seifensieder und Kerzenzieher aus und versuchte im Wallis damit ein Gewerbe aufzubauen. Vergeblich. In Zermatt pachtete er dann anfangs der 50er-Jahre eine Herberge (zu dieser Zeit besuchten mehr und mehr Fremde das Dorf), die er bald käuflich erwarb und zu einem Hotel ausbaute. Nachdem er weitere Herbergen in Zermatt gepachtet oder erworben hatte, liess er 1878-1884 das Grandhotel Riffelalp bauen. Zuvor hatte er im Stammhaus Monte Rosa neben einer bedeutenden Zahl von Engländern und Engländerinnen auch Edward Whymper beherbergt, der 1865 als Erstbesteiger des Matterhorns in die Geschichte einging. Dessen Pionierleistung endete in einer Katastrophe, und doch war sie der Auslöser für den Aufstieg Zermatts zum alpinistischen Hotspot. Alexander Seiler und sein Bruder Franz, der 1867 die Alprechte in Gletsch erworben und dort eine Herberge betrieben hatte, liessen hier das «Grandhotel Glacier du Rhône» bauen. Nach Franz' frühem Tod (1865) übernahm Alexander die Geschicke des Hotels und liess es bald massiv erweitern.24

Seine Instinkte erwiesen sich als wegweisend für den Schweizer Tourismus. Aber ohne die Mitarbeit von Catharina Cathrein (1834-1895), die er 1857 heiratete, wären seine gastronomischen Unternehmungen kaum so rasch vorangekommen. Auch als 16-fache Mutter war sie die dominante Frau im Hintergrund; ihr oblag sowohl die Korrespondenz als auch die Buchhaltung für das halbe Dutzend Gastrobetriebe. Als ihr Mann 1891 starb, führte sie mit zwei Söhnen das Unternehmen fort. Sie trug auch kräftig dazu bei, dass Zermatt schon in den frühen 1890er-Jahren elektrifiziert wurde. – Da die Hotels damals nur während des Sommers geöffnet waren, lebte die Familie Seiler die übrige Zeit in Brig. Alexander war von 1869 bis zu seinem Tod auch Walliser Grossrat.

Andreas Cathrein, der Vater von Catharina, Maria und Emil Cathrein führte in Brig ein Eisenwarengeschäft und bekleidete das Amt des Regierungsstatthalters des Bezirks Brig. Sein Sohn Emil (1847-1916) nahm sich den Schwager Alexander Seiler zum Vorbild und wurde zum Hotelpionier der Aletschregion. Ab 1872 leitete er das Hotel Jungfrau-Eggishorn ob Fiesch, baute es zum angesehenen Berghotel aus und erwarb später die Hotels Riederalp und Riederfurka. Auch er wohnte in Brig, wo er von 1880 bis 1896 Gemeindepräsident und während nahezu eines Vierteljahrhunderts auch Grossrat war. Zwischenzeitlich war er 1895 und 1897 ausserdem Direktor von Hotels in Kapstadt und Johannesburg.

Hotelprospekt von Emil Cathrein.
Hotelprospekt von Emil Cathrein.

Felix Clausen (1834-1916) war verheiratet mit Maria Cathrein und so auch Onkel der 16 Kinder von deren Schwester Catharina. Er erwarb 1861 das Anwalts- und Notariatspatent, führte während fast 30 Jahren eine Anwaltskanzlei in Brig und war 1865-1891 ebenfalls Grossrat sowie ab 1878 während sieben Jahren Walliser Ständerat. In dieser Zeit amtete er überdies als Richter am Walliser Appellations- und am Kassationsgericht. Schliesslich wurde er 1891 Bundesrichter, was er bis zu seinem Tod blieb.25

Die drei Männer im Hintergrund des Hotelprojekts auf Belalp bildeten zweifellos ein mächtiges Gespann. Kein Wunder, dass sich Anton Eggels seiner bzw. ihrer Sache so sicher fühlt. Die Herren Salzmann und Klingele scheinen in Blatten mit ihm einen Streit ausgefochten (womöglich wegen der von ihm nach 1860 betriebenen Wirtschaft) und vermutlich vor Gericht gewonnen zu haben. Das kann ihn veranlasst haben, sich dem Briger Trio als Mittelsmann zur Verfügung zu stellen. Als langjähriger Gemeindepräsident von Naters, zu dessen Gemeindegebiet mit Belalp ein touristisch entwicklungsfähiges Juwel gehört, verfügt er über entsprechende Kontakte. Darüber, warum er sich gegenüber Paul und dem Bruder Josef bis zu den eben zitierten Textstellen als künftiger Bauherr auf Belalp ausgibt, lässt sich nur spekulieren. Seine bisherigen Ausführungen in die Nähe von Hochstapelei zu rücken, wäre gleichwohl ungerecht. Wie er nachträglich selbst schreibt, wurde das Projekt von Seiler, Cathrein und Clausen initiiert. Ohne Zweifel wollen sie über ihn als Mittelsmann Bauland und Baumaterial günstig erwerben, aber vorerst im Hintergrund bleiben. Kommt dazu, dass über Eggels Geschäftstüchtigkeit kaum Zweifel bestehen und er überdies von Kindsbeinen an mit dem Gastgewerbe vertraut ist. Bekanntlich wurde die «Linde» in Naters schon von seinen Eltern geführt. Die Geldgeber, schreibt er, würden «alles regieren u uns leiten». Es ist nicht auszuschliessen, dass sie ihn tatsächlich als Hoteldirektor auftreten lassen wollen. Jedenfalls ist nicht zu bestreiten, dass Anton Eggel im Kontext des Bauvorhabens mehr ist als nur eine Nebenfigur.

Was ist bezüglich der getätigten und geplanten Investitionen auf Belalp noch zu berichten? Vor allem dies, dass da oben neben dem Hotel Belalp weder zu dieser noch zu einer späteren Zeit ein weiteres Hotel gebaut wurde und dass die Familie Klingele in der Zeit von 1879/80 und danach keineswegs vor dem Aus stand. Nach dem Tod von Gervas Klingele (1885)26 übernahmen die Söhne Eduard und Karl das Hotel, nach ihnen schliesslich Arthur Klingele. Der Betrieb auf Belalp blieb jedenfalls während dreier Generationen im Besitz der Familie. Um 1970 herum übernahm ihn Therese Jaeger-Eggel (darüber wird noch zu berichten sein), und seit 1993 ist das Hotel Belalp im Besitz der Burgerschaft Naters. Im Jahr 2019 wurde es renoviert.

Der Belalp Krimi

Vor der Zeit des Wintertourismus waren Berghotels während der kalten Jahreszeit geschlossen. Auf einem der üblichen Kontrollgänge stiess der Besucher im November 1924 beim Hotel Belalp auf ungewöhnliche Spuren: ausgehängte Jalousien, ein zersplittertes Fenster im Speisesaal, im Innern eine teilweise geplünderte Vorratskammer. Ungleich gravierender war, was erst im Frühjahr festgestellt wurde: Die von den Gästen geschätzte Attraktion, das wertvolle Messingfernrohr samt Stativ, war nicht mehr da.

Arthur Klingeles Anzeige bei der Polizei setze Ermittlungen in Gang, aber diese blieben vorerst ergebnislos. Im Sommer dann entdeckte jemand vor dem Hotel Hütteggen im Saastal ein Fernrohr als neue Attraktivität. Klingele ging hin – und fand sein eigenes Instrument wieder.

Wie war das Teleskop ins Saastal gekommen? Der Hotelier Salomon Burger erklärte der Polizei, er habe es von Franz Andenmatten gekauft. Dieser gab an, es sei ihm von einem gewissen Alois Anthamatten angeboten worden. Anthamatten wiederum nannte einen Italiener namens Brivetti; dem habe er es abgekauft.

Die Ermittler hielten Anthamattens Geschichte für eine Lüge. Wie und warum sollte ein Italiener das schwere Instrument über verschneite Alpenpässe schleppen und es dann bei einer Zufallsbegegnung für einen Spottpreis verkaufen? (Das Fernrohr hatte nach dem Diebstahl weit unter Wert die Hand gewechselt.) Auch war bekannt, dass Anthamatten, oft in den Bergen herumstreifend, ein unstetes Vagabundenleben führte. Er war schon wegen Diebstählen verurteilt worden. Man nahm an, dass ihn beim Einbruch auf Belalp die Möglichkeit des schnellen Gewinns gereizt hatte, er das Teleskop aber rasch hatte loswerden wollen, weshalb er es für einen Spottpreis verkaufte.

Anthamatten bestritt hartnäckig, für den Einbruch im Hotel Belalp verantwortlich zu sein. Trotzdem wurde er angeklagt und verurteilt.

Die Geschichte basiert auf Dokumenten des Hotels Belalp, die lange im Familienbesitz blieben und schliesslich ins Walliser Staatsarchiv gelangten.27

Was den Landkauf im Jahr 1879 betrifft, so ist, wie oben ausgeführt, der Versuch von vierzig Leuten der Burgerschaft von Naters, die Zustimmung des Staatsrats rückgängig zu machen, gescheitert. Auch wenn Eggel schreibt, das Land gehöre nun ihm, bleibt ungewiss, ob der Kauf tatsächlich realisiert wurde. Da 1880 und in den Folgejahren auf Belalp nicht gebaut wurde, dürften Eggel und seine Geldgeber vom Erwerb abgesehen oder ihn rückgängig gemacht haben.

Hotel Belalp heute. Der Vergleich mit der folgenden Aufnahme macht den massiven Rückgang des Aletschgletschers sichtbar. (Quelle: Burgergemeinde Naters.)
Hotel Belalp heute. Der Vergleich mit der folgenden Aufnahme macht den massiven Rückgang des Aletschgletschers sichtbar. (Quelle: Burgergemeinde Naters.)
Aletschgletscher um 1885, vom Hotel Belalp her gesehen. (Quelle: Burgergemeinde Naters.)
Aletschgletscher um 1885, vom Hotel Belalp her gesehen. (Quelle: Burgergemeinde Naters.)

.., dass ein magerer Vergleich mehr werth ist, als ein fetter Prozess

Gegen Ende der Geschichte nun die beiden von Josef Eggel in San Geronimo verfassten Briefe an den Bruder und an den Neffen. Der eine entstand wenige Monate, nachdem Paul ins Wallis zurückgekehrt war, der andere neun Monate später. Für die hier erzählte Geschichte sind die Briefe ein Glücksfall. Sie entsprechen einem Perspektivenwechsel, so dass wir zentrale Sachverhalte aus der Sicht des Kolonisten dargestellt sehen. Josef Eggel verfügt sowohl über die sprachliche Kompetenz als auch über das notwendige Selbstwertgefühl, um dem geschäftstüchtigen Bruder in Naters auf Augenhöhe zu begegnen. Die Texte kommentieren in gewissem Sinn die Briefe, die Anton Eggel in den vergangenen drei Jahren Paul und Josef geschrieben hat. Hier nun der nur wenig gekürzte Brief an den Bruder:

Colonia San Geronimo Provincia de Santa Fé Republica Argentina Maijo 28 de 1880

Lieber Bruder Anton!

Am 24 ten dieses habe ich deinen werthen Brief vom 3ten April letzthin mit grosser Freude erhalten. Es soll daher auch nicht lange gezögert werden um dir denselben zu beantworten u das umso mehr weil ich u dein Paul so miteinander bei unserer Trennung sind verblieben worden. Wie oft war ich gespannt u neugierig zu wissen, wie ihm seine beschwerliche Rückreise nach der alten Heimath möchte ausgefallen sein, bis ich endlich durch deinen Brief Auskunft bekommen habe. Es freut mich sehr, dass er eine glückliche Ueberfahrt hat machen können u dass Sie ihn jetzt wiederum in Ihrer Mitte haben, obschon wir es fühlen müssen seiner Gegenwarth beraubt zu sein. Seit seiner Abreise ist sicher kein einziger Tag versstrichen, wo wir an ihn nicht gedacht haben, und ganz besonders meine Kinder. Nun mögen auf dieser Welt alle Freuden u alle Leiden so gross sein, wie sie wollen, so muss man doch nie vergessen, dass sie Alle ein Ende nehmen u dass in der anderen Welt auf uns, entweder ein immerwährendes Glück oder Unglück wartet, je nachdem unser Leben ist. Daher wäre es am Platz, wenn man hier u da in Betracht zöge, dass ein magerer Vergleich mehr werth ist, als ein fetter Prozess. Bei diesem Gleichniss fällt mir gerade dein Brief ein, welchen du unlängst an unsern Schw. Kasp. Jossen übersendet hast. Derselbe setzte uns in Kenntniss über den Rechtshande(l), der für dich abermals gut ausgefallen sei u über den Bau eines Gasthofes auf der Bellalpe, den du jetzt im Begriffe seist anzufangen.

Ob dieser Plan reichlich überlegt ist, das wird die Erfahrung wohl am besten zeigen. Sehr oft ist es rathsam, wie man die Worte erwählt: traun, schaun wem. Diese kleine Bemerkung füge ich nur desshalb bei, weil dein Glück u Unglück auf mich den gleichen Effekt macht, als wie jede andere Sache auf den, der es mit seinem Bruder redlich meint. Nach meinem Dafürhalten solltest du deinen väterlichen Pflichten wohl nachgekommen sein, ohne dich in deinem Alter noch mehr zu sorgen, oder wofür wäre alles das schöne Vermögen dessen rechtmässer Besitzer du jetzt bist gekommen! Man kann doch das Wort bei dir in Anwendung bringen: dass brave Söhne die Ehre ihres Vaters u keusche Töchter der Schmuk ihrer Mutter sind. Diesen Beweis hat dir dein Paul schwarz auf weis aus Amerika gebracht, was nach meiner Ansicht wohl mehr werth ist, als wenn er verkommen wie so viele Andere, aus seiner Fremde wiedergekehrt wäre u dabei meinetwegen Etwas gebrochen französisch oder englisch etc. spräche.

Du kannst daher Gott danken, so wie dein Weib, nebst all den Kindern, dass sie so zu sagen bald den grossen Gefahren der Jugendjahren entgangen sind u ich zittre, wenn ich bedenke, dass die Meinen an der Schwelle der selben sind, Daher kann ich nicht umhin mich an Sie zu wenden, damit wir gegenseitig unser Herz zu dem richten, der ewig weit höher über der schönen Bellalpe wohnt.

Ueberdies danke ich Euch Allen für sämtliche Dienste die Sie mir bis dahin geleistet haben u will einige Kleinigkeiten in dem beigelegten Briefchen28, welches ich für den Paul schreibe / anmelden.

[…]

Herzlich grüsst Euch

Bruder Jos. Eggel

Zu Josef Eggels Ausführungen bedarf es weder Erläuterungen noch Kommentare. Darum hier gleich der letzte (nur leicht gekürzte) Brief an Paul:

Col. San Geronimo Provincia Sant. Fé Republice Argentina

Febrero 22 de 1881

Vielgeliebter Neffe Paul

Bald ist ein Jahr verstrichen, dass wir unferheisen [unverhofft] […] wohl für immer hier auf der Welt von einander werden Abschied genommen haben. Nicht umso weniger habe ich mir nach Verlaufe einiger Monaten die Mühe genommen u dir einen Brief / welcher sehr viel Neuigkeiten enthalten hat / nachgeschickt; ja es wurde nebenbei darin deinen Wünschen gemäss bezeichnet, dass du von mir 80 Franken an Geld erhalten hast. Davon sind 20 an deinen Vater zu übergeben weil nach meinem Dafürhalten bei uns [gemäss der] letzten Abrechnung die 17 Franken, welche er für mich an Feligs Walther bezahlt hat, die nicht sind zu Gute gekommen / die 3 Franken könne[n] angesehen werden als Zins. Uebrigens wäre diese nachmalige Bemerkung nicht nöthig, wenn man nicht schliessen sollte, dass wegen der Aufruhr der Bundes-Präsidenttenwahl von Buenos Aires dir mein Schreiben sei unterschlagen worden.

Es bleibt gewiss ausser Zweifel, dass du dein Versprechen nicht treu hieltest u mich so lange auf eine Antwort warten liessest […] sonst hättest du mir die vier Flaschen Oel auch nicht geschickt welche nun […] Tage vor Allerheiligen der Johan Jos. Imhoff […] [mir] treulich eingehändigt hat. Etwas auffallend war jedoch, dass man diese gute Gelegenheit so durch den H. Schalbetter hat vorbringen lassen, ohne dabei etwa noch ein Briefchen beizubringen. Aber wenn du auf Alles eingehen solltest oder halten, was man hier u da im Scherze verspricht, so kämest du mit deinen Comissionen nicht zum Ende u müsstest meinem Weibe noch die Apfelkernen schicken, du weisst es ja ganz gut, sie ist aus Goms. Doch kann ich nicht umhin dich zu bitten, mir das Schifflein für die Nähe[ma]schinn womöglich baldigst zu übersenden, weil […] dieser Artikel hier noch nicht zu holen ist. […]

Aber dann auch Gott sei dank! nicht nur das, sondern Kraft reichlicher Beiträge von gutgesinnten Colonisten ist zu unsrer Freude vom hiesigen Reichtum uns am ersten Febr. Abend des Maria Lichtmess mit harmonischem Klang dreier Glocken angekündet worden. Die Festfeier an diesem Mutter Gottes Tage, war nicht weniger als feierlich, die Messe wurde fürstlich celebriert und der Musiklehrer von den Jesuiten in Santa Fé übernahm die Orgel. Nun ich will doch aufhören mit meinem Schreiben u keinen von Ihnen zu langweilen, da ich ja voraussetze, dass man eben so wenig Zeit haben wird, viele Neuigkeiten zu lesen als solche zu schreiben. Ueberhaupt, falls Sie sich wegen zeitlichen Geschäften nicht zu sehr verhindert sehen, mir schreiben zu können, so will ich auch trachten, dass meine künftigen Briefe, welche ich an Sie richte den Ihrigen an Kürze u Ausführlichkeit gleich kommen. Zum Schluss grüssen wir Euch Alle herzlich / Etwa vor drei Wochen hat der Schw. Moritz Jossen von Ihnen einen Brief erhalten, daraus hat er entnommen, dass Sie mir auch gleichzeitig einen geschrieben haben; bis dahin habe ich Nichts erhalten. Jos. Eggel

Das zweite Schreiben enthält eine Vielzahl von Informationen über das Geschehen in SJN seit Pauls Abreise. Von zahlreichen Todesfällen ist ebenso die Rede wie von neuen Eheschliessungen. Auch von einer ziemlich guten Ernte. Dies sind nicht die eigentlichen Botschaften. Der Bericht über die Festfeier von Maria Lichtmess illustriert die Freude über das wirtschaftliche und kulturelle Gedeihen in der Kolonie. Vom «hiesigen Reichtum» zeuge, dass das Fest «mit harmonischem Klang dreier Glocken angekündigt worden» sei. Diese habe man «reichlichen Beiträgen von gutgesinnten Colonisten» zu verdanken. Die Orgel, wird Paul an seine eigenen Erfahrungen und Absichten erinnert, habe der Musiklehrer der Jesuiten in Santa Fe übernommen. – Das zentrale Thema ist die Enttäuschung darüber, dass Paul ihn die ganze Zeit über ohne Nachricht gelassen hat. Nicht so sehr, weil er ihm für die Rückreise mit 80 Franken ausgeholfen hat (was zu dieser Zeit im Wallis immerhin dem Jahreslohn eines Primarlehrers entspricht), sondern vielmehr, weil seine Briefe bisher ohne Antwort geblieben sind. Dabei habe Paul ihm durch Johann Josef Imhoff29 «vier Flaschen Oel» zukommen lassen. Die seien ihm «treulich eingehändigt» worden. Eine grössere Freude hätte er ihm jedoch mit einem Brief gemacht. Demgegenüber habe der Schwager Moritz Jossen kürzlich von ihm einen Brief erhalten. Die Zuversicht, «dass Sie mir auch gleichzeitig einen geschrieben haben», hat sich als Täuschung herausgestellt: «bis dahin habe ich Nichts erhalten». Hier endet der Brief abrupt, was zeigt, wie gross Josef Eggels Enttäuschung ist.

Die Erzählung über das soziale Leben in der Kolonie beinhaltet auch das Bedauern, dass Paul nicht mehr darin eingebettet ist. Im Brief an den Bruder hat Josef explizit ausgeführt, wie sehr ihn das auf Macht, Wohlstand und Sozialprestige ausgerichtete Leben des Bruders irritiert. Da er die Bedürfnisse des Neffen kennt oder zu kennen glaubt, betrachtet er dessen Rückkehr ins Wallis als Fehlentscheid. Und sein eigenes Bemühen, Paul eine lebensfrohe Zukunft zu ermöglichen, als gescheitert.

Warum Paul Eggel seinem Mentor vier Flaschen Öl, aber keinen Brief überbringen lässt, während er dem Ehemann seiner Tante schreibt, ist schwer zu verstehen. Umso weniger, als Josef Eggels Familie Paul während seiner Zeit in San Geronimo lebhaftes Interesse entgegengebracht, ja, ihn liebgewonnen hat. Alle, auch die Kinder schmerzte es, als er von ihnen Abschied nahm.

Ignaz Eggel aus Naters, der Ururenkel von Anton Eggel, hat mir die Familienstammbäume von Antons Vater Josef (1792-1867), von Anton (1826-1909) sowie von Paul zukommen lassen. Pauls Stammbaum zeigt, dass er 1881 die ein Jahr jüngere Clara Bammatter heiratete. Die Liebesbeziehung muss kurz nach der Rückkehr ihren Anfang genommen haben. Vermutlich steckten Paul und Clara zu der Zeit, als Josef Eggel auf einen Brief aus dem Wallis wartete, bereits in den Hochzeitsvorbereitungen. Dies dem Onkel mitzuteilen, war womöglich auch deshalb schwierig, weil er in der Kolonie in so engem Kontakt zu einer Base stand, dass er den Vater über die kommende Heirat informierte.

Das alles mag erklären, warum er dem Onkel nicht zurückschrieb. Etwas zugespitzt lässt sich der Abschied von San Geronimo als Verrat am persönlichen Lebensentwurf verstehen. Wie aus den Briefen hervorgeht, ähnelte Pauls Wertehaltung stärker derjenigen des Onkels als der des Vaters.

Wie dem auch immer gewesen sein mag, was für Paul tatsächlich den Ausschlag gab, von der Familie des Onkels Abschied zu nehmen, darüber kann trotz des klaren Kontexts nur spekuliert werden. Ein Grund könnte im Übrigen auch Pauls fragile Gesundheit gewesen sein. Wir wissen, dass er deswegen in Santa Fe die Stelle als Hilfskoch aufgeben musste. Das lässt den Schluss zu, dass ihn Arbeiten, wie sie in der Kolonie zu leisten waren, physisch überforderten. Andeutungsweise lässt sich dies bereits den Briefen des Vaters entnehmen. Es heisst darin, wie gut seine zwei Brüder für körperliche Tätigkeiten taugten, wohingegen Pauls Fähigkeiten sich besser für die Arbeit «in der Buttig» eigneten. Auch wenn der Vater diese Ansicht mit Pauls besserer Bildung erklärt, dürften physische Defizite diese Ansicht verstärkt haben.

Clara und Paul Eggel-Bammater, ihre Kinder und Enkel30

Was Pauls Heirat mit Clara Bammatter betrifft, so waren mir weitere Fakten dazu bis vor kurzem nicht bekannt. Der Stammbaum zeigt, dass im Jahr nach der Heirat als erstes Kind Pulcheria zur Welt kam. Zu diesem Zeitpunkt waren die Eltern 25- bzw. 26-jährig. In den kommenden vier Jahren gebar Clara noch ein Mädchen und zwei Buben, zehn Jahre später mit Cäsarina ein drittes Mädchen. Nur 20 Monate danach, am 26. Juli 1898, starb Paul Eggel – im Alter von nur 42 Jahren. (Sein Vater überlebte ihn um elf Jahre.) Auch Clara war kein langes Leben beschieden; sie verstarb zehn Jahre nach ihrem Mann, im 51. Altersjahr. Von den Kindern erreichten einzig die älteste und die jüngste Tochter ein hohes Alter; Pulcheria wurde 81, Cäsarine 71. Nachkommen der dritten Generation sind zwei in den 1950ern geborene Urenkel. Ignaz Eggel hat einen von ihnen nach Paul Eggel gefragt, aber dessen Wissen über den Ururgrossvater ist rudimentär. Die Nachforschungen waren gleichwohl erfolgreich; zum einen stiess Eggel auf einen handschriftlichen Kaufakt zwischen Paul Eggel und Johann Martin Salzmann, zum anderen fand er Nachrufe, auch den auf Pulcheria Eggel im «Walliser Volksfreund» vom 31. Mai 1963.

Über den Kaufakt lässt sich wenig sagen, v.a. weil sich das Dokument nur zum Teil transkribieren lässt. Was man entziffern kann: Der Kauf wurde im Februar 1889 in der Wohnung von Paul Klingele abgewickelt, und zwar zwischen Johann Martin Salzmann als Verkäufer und Paul Eggel als Käufer. Das Objekt war ein Stück Land, im Akt «Garten» genannt; es wechselte für 65 Franken den Besitzer. Lesen kann man auch die Namen der Besitzer der angrenzenden Grundstücke. Ein interessantes Detail betrifft die entsprechenden Angaben: Der Garten «grenzt von morgen an Salzmann Johann Schumacher […] von abend [an] Bammatter Johann, von miternacht an Paul Eggel» Das Zitat zeigt im Übrigen, dass Paul Eggel mit dem Landkauf eigenen Bodenbesitz erweiterte31. Spätere Fakten lassen die Vermutung zu, dass es um ein Stück Land in Blatten ging. Dass es sich bei Salzmann um den einen Gegenspieler von Pauls Vater handelte und der Kauf wohl in der Wohnung von einem der Söhne von Gervas Klingele (dessen zweiten Gegenspieler) abgewickelt wurde, liest sich wie eine Ironie der Geschichte.

Im Nachruf auf Pulcheria Eggel bekommen wir Antwort auf die Frage, wie ihr Vater nach der Rückkehr aus Argentinien und insbesondere nach der Heirat den Lebensunterhalt der Familie bestritt.

Pulcheria Eggel 1882-1963.32

Tatsächlich übernahm Paul Eggel die Wirtschaft «Zur Linde» in Naters. Über die Lebensgeschichte der Erstgeborenen erfährt man nämlich, sie habe «am 28. Oktober 1882 in Naters als Tochter des damaligen Lindenwirtes das Licht der Welt» erblickt und sei bei «ihren Grosseltern Johann Bammatter im Natischerberg» aufgewachsen. Und weiter: «Der Primarschule entwachsen, übernahm die aufgeweckte Tochter die Arbeit als Serviertochter im elterlichen Betrieb, der damals während des Simplontunnelbaus auf vollen Touren lief. Pulcheria war ihrer Aufgabe voll und ganz gewachsen und verstand es, mit der einheimischen Bevölkerung und der grossen Zahl der Fremdarbeiter sich persönlichen Respekt und gute Freundschaftsbeziehungen im Kundenkreis gleichzeitig zu sichern.» Im Dezember 1902 (vier Jahre nach dem Tod ihres Vaters) habe sie «dem Metzger Benjamin Eggel die Hand zum Lebensbunde» gegeben.

Wirtshaus «Zur Linde» (im Hintergrund, mit dem Durchgang), erbaut in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Wirtshaus «Zur Linde» (im Hintergrund, mit dem Durchgang), erbaut in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Die «Linde» war jenes Gasthaus, das schon den Grosseltern gehört hatte und das Anton Eggel dem Sohn als Erwerbsgrundlage schmachhaft gemacht hatte. Paul Eggel emigrierte möglicherweise 1877 auch darum, weil er seine berufliche Zukunft weder als Gastwirt noch als Krämer sah, bestimmt wollte er sich aber nicht in die Geschäfte seines Vaters einspannen lassen. Nachdem er in Santa Fe als Hilfskoch Erfahrungen gesammelt hatte, war es für ihn nun aber nicht mehr abwegig, die familieneigene Gaststätte in Naters zu übernehmen. Dass Pulcheria bei den Grosseltern mütterlicherseits aufwuchs (was damals nicht ungewöhnlich war), dürfte an der Arbeitsbelastung der Eltern gelegen haben. Es ist auch nicht auszuschliessen, dass Paul Eggels früher Tod auf die strenge Arbeit zurückzuführen war. Als Koch und Gastwirt war er sieben Tage in der Woche gefordert, was seiner fragilen Gesundheit auf lange Sicht übermässig zusetzte.

Im Nachwort über Pulcheria steht auch, dass das Wirtshaus während des Tunnelbaus «auf vollen Touren» gelaufen sei. Der Aufschwung begann im Todesjahr von Paul Eggel und hielt sieben Jahre lang an, bis 1905/1906. (Die Zahl der während des Tunnelbaus in Naters wohnhaften italienischen Arbeiter überstieg die der Einheimischen.) Das Wirtshaus wurde nun von Clara Eggel und ihrer Tochter geführt. (Dass diese in der Zwischenzeit einen Metzger geheiratet hatte, war bestimmt kein Nachteil.) Ob Pulcheria nach 1905 weiter da arbeitete, weiss man nicht. Da sie in der Folge elffache Mutter wurde, kann man annehmen, dass sie sich irgendwann nach der Fertigstellung des Tunnels von der «Linde» verabschiedete. Gewiss ist dagegen, dass sich ihr Bruder Cäsar (1886-1935) im Gastgewerbe etablierte und dieses noch deutlich erweiterte. Er führte ab dem Ersten Weltkrieg neben dem Wirtshaus in Naters auch die alte Gaststube in Blatten.

Altes Wirtshaus in Blatten.
Altes Wirtshaus in Blatten.

Das Haus steht am Ende des Fussweges Naters-Blatten, der bis zum Bau der Strasse die einzige Verbindung ins Tal war. Gemäss der Beschriftung des Ofens wurde es um 1888 von den Söhnen Eduard und Karl von Gervas Klingele erbaut. Wann und wie es danach in den Besitz von Cäsar Eggel kam, ist nicht bekannt. Jedenfalls waren er und seine Frau Margreth die letzte Wirtsfamilie der Gaststätte. Es existiert noch ein Gästebuch aus den Jahren 1907 bis 1922, dem sich entnehmen lässt, wie stark das Haus frequentiert wurde. Im Jahr 1909 beispielsweise trugen sich 315 Besucher ein, darunter viele Engländer, Deutsche, Holländer und Franzosen. Später sind auch illustre Gäste verzeichnet, unter ihnen der Fürst und Zar Ferdinand von Bulgarien.

Als in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre Blatten mit einer Strasse erschlossen wurde, baute Cäsar Eggel das «Gasthaus Blatten», einen Restaurant- und Hotelbetrieb. (Womöglich auf der Parzelle, die, wie oben vermerkt, sein Vater 1889 von Hansmartin Salzmann gekauft hatte.)

Allerdings war Cäsar Eggel wie seinem Vater kein hohes Alter beschieden; er verstarb mit 49 Jahren, just um die Zeit der Eröffnung des Gasthauses. Ab da war wie in der Generation zuvor die Witwe für die Betriebe in Naters und Blatten verantwortlich.

Cäsar († 1935) und Margreth Eggel-Werner († 1965).

«Gasthaus Blatten» - in den 1930er-Jahren von Paul Eggels Sohn Cäsar erbaut.
«Gasthaus Blatten» - in den 1930er-Jahren von Paul Eggels Sohn Cäsar erbaut.

Tatsächlich soll Margreth Eggel-Werner die Leitung des Gasthauses schon bald ihrer Tochter, der damals 17-jährigen Therese, anvertraut haben. Die junge Hotelière konnte sowohl auf die Unterstützung der Mutter als auch auf die ihres Bruder Jules zählen. Das berufliche Rüstzeug erwarb sie in den Zwischensaisons in der Hotelfachschule in Neuenburg. Beide, Therese und Jules, kannten sich in Blatten bestens aus, hatten sie doch gemeinsam mit den Geschwistern Edmund und Pia die Sommer hier oben verbracht. Edmund (1909-1956) besass später einen Handwerksbetrieb in Naters, Pia starb schon im Jugendalter. Auch Jules (1913-1977) zog es nicht ins Gastgewerbe. Nach der Schulzeit lernte er Coiffeur und bildete sich (wegen der Tradition des Dorftheaters) zum Maskenbildner weiter. Am liebsten hätte er studiert, folgte aber schliesslich dem schon früh geäusserten Wunsch der Mutter, sich wie seine Schwester im Hotelfach auszubilden. Das tat auch er in Neuenburg; danach begab er sich für einen Sprachaufenthalt ein Jahr lang nach England. Mit 30 heiratete er und wurde Gastwirt der «Linde». Mit 60 war er gesundheitlich angeschlagen, aber da keiner der beiden Söhne in seine Fussstapfen treten wollte, verkaufte er das Wirtshaus. Er starb vier Jahre später mit 64 Jahren.33

Die zum «CAFE« umbenannte Linde» in Naters zu der Zeit, als sie noch von Jules Vater Cäsar Eggel betrieben wurde.
Die zum «CAFE« umbenannte Linde» in Naters zu der Zeit, als sie noch von Jules Vater Cäsar Eggel betrieben wurde.

Wie Grossmutter Clara und Mutter Margreth wurde auch Jules Schwester Therese Jäger-Eggel (1918-1992) schon früh Witwe. Ob auch ihr aus Turtmann stammender Mann Walter im Gastbetrieb eingebunden gewesen war, ist nicht bekannt. Beruflich war er Notar und Grundbuchverwalter. Therese führte das «Gasthaus Blatten» bis 1971 und erwarb dann von Arthur Klingele das «Hotel Belalp». So realisierte sie, was der Urgrossvater Anton Eggel erfolglos versucht hatte: Sie wurde Hotelière auf Belalp. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie sich jedoch wenige Jahre später von der Gastronomie verabschieden. Von ihr übernahm der jüngster Sohn Paul (1947-2017) das Hotel Belalp. Er war gelernter Patissier und Koch und blieb unverheiratet. Bis 1992 führte er gemeinsam mit Geschwistern jeweils von Juni bis Oktober den Betrieb weiter. Das Kaufmännische verantwortete sein ältester Bruder Cäsar. Er war Advokat und leitete das Handelsregisteramt in Brig. Als Grossrat betätigte er sich auch politisch. Im Jahr 2002 amtete er gar als Landeshauptmann, d.h. als Präsident des Walliser Grossen Rates.

Mit Paul und seinen Geschwistern endete die mehrere Generationen dauernde gastgewerbliche Tätigkeit der Familie Eggel. Schon in der Mitte der 1980er-Jahre versuchte man das Hotel zu verkaufen, fand aber erst 1993 mit der Burgergemeinde Naters eine geeignete Käuferschaft. Die in der Folge vorgenommene Sanierung erlaubte es, den Betrieb fortan ganzjährig zu führen.

Bei allem gastgewerblichen Erfolg der Familie Eggel sind die betrüblichen Parallelen nicht zu übersehen: Ausser Pulcheria starben die Betreiberinnen und Betreiber der Gaststätten früh oder mussten, gesundheitlich angeschlagen, der Gastronomie ade sagen. Mit ihr endete die mehrere Generationen dauernde gastgewerbliche Tätigkeit der Familie Eggel. Bei allem Erfolg sind die betrüblichen Parallelen in den drei letzten Generationen nicht zu übersehen: Alle ausser Pulcheria starben früh oder mussten, gesundheitlich angeschlagen, der Gastronomie ade sagen.


  1. Beide führen im Ort ein eigenes Geschäft, Oggier als Elektroinstallateur, Zurschmitten als Möbelschreiner mit 40 Angestellte und einer Filiale in Rosario. ↩︎

  2. Eine gewisse Ironie war schon dabei, war die Auswanderung ihrer Vorfahren damals doch auch auf die Überbevölkerung des bäuerlichen Wallis zurückzuführen. ↩︎

  3. Der Reiseblog von damals ist immer noch online (vueltaargentina.blogspot.com). ↩︎

  4. Näheres dazu im Kapitel «Die sozio-ökonomische Situation in den Provinzen Santa Fe und Entre Rios vor dem Immigration mitteleuropäischer Siedler»↩︎

  5. Ob sie heute (2025) noch leben, weiss ich nicht. ↩︎

  6. Ausser in Zitaten benutze ich die heutige Schreibweise, Josef statt Joseph. ↩︎

  7. «Etter» ist der Walliser Ausdruck für Onkel. ↩︎

  8. Diese Informationen erhielt ich von Ignaz Eggel aus Naters, einem Ururenkel von Pauls Vater Anton. ↩︎

  9. Gemäss Zivilstandsamt Brig hatten Anton und Katharina Eggel sechs Kinder. (In den Briefen werden nur vier Kinder genannt.) ↩︎

  10. Belalp liegt 700 m höher als Blatten, auf gut 2'000 m ü. M. Das Hotel Belalp gehörte Gervas Klingele. ↩︎

  11. Blatten ist ein auf 1'300 m ü. M. gelegener Weiler in der Gemeinde Naters; er liegt etwa auf halber Strecke nach Belalp. Von Blatten aus fahren heute eine Gondel- und eine Pendelbahn nach Belalp. ↩︎

  12. Wo Satzzeichen fehlen, werden von mir dort Schrägstriche gesetzt, wo das Verstehen erschwert ist. Grammatische Fehler werden jedoch nicht korrigiert. ↩︎

  13. Am 15. Juni 1878 fand in Brig die Einweihung der Bahnlinie statt. Das heutige Bahnhofgebäude ist der 1905 eröffnete Nachbau. Er steht höher als das erste Gebäude. Beim Bau des Simplontunnels wurde mit einem Teil des Ausbruchmaterials das Gelände angehoben. ↩︎

  14. Gemäss seinem Ururenkel Ignaz Eggel gehörte zu Anton Eggels Betätigungsfeldern auch das Steinmetz-Gewerbe. ↩︎

  15. Auch diese Informationen verdanke ich den Nachforschungen von Ignaz Eggel aus Naters. ↩︎

  16. Über den Schriftsteller und Maler Baud-Bovy siehe Wikipedia. ↩︎

  17. Wie sich in den Briefwechseln öfters zeigt, hatten viele Walliser damals nur sehr vage Vorstellungen über den amerikanischen Kontinent. So wird oft nicht zwischen Nord- und Südamerika unterschieden, was auch in der stereotypen Bezeichnung «Amerika» zum Ausdruck kommt. ↩︎

  18. Im Wallis Bezeichnung für die Kantonsregierung bzw. für einzelne Regierungsräte. ↩︎

  19. Früher schreib man «Bellalp», heute «Belalp». ↩︎

  20. Eheschliessungen zwischen Cousins und Cousinen wurden damals in der Schweiz von der Kirche auf entsprechende Gesuche hin bewilligt. ↩︎

  21. Da die kommende Kartoffelernte angesprochen wird, dürfte der Brief im Spätsommer geschrieben worden sein. ↩︎

  22. Es dürfte hier eine Null zu viel stehen. Auch 15'000 Franken sind damals ein hoher Preis für eine Immobilie. ↩︎

  23. Der Flurname Boden wird als «Bodu» bezeichnet. Er benennt (heute weitgehend überbaute) Landparzellen am östlichen Rand von Naters. ↩︎

  24. Zurzeit (2025) wird das Hotel «Glacier du Rhône» aufwändig saniert; 2027 soll es wiedereröffnet werden. Gemäss Medienberichten werden die Kosten deutlich höher als geplant liegen, nämlich mindestens 15 Millionen Franken. (Das Hotel befindet sich heute in Kantonsbesitz.) ↩︎

  25. Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz sowie Wikipedia-Artikel. ↩︎

  26. Mit der Beurteilung des Gesundheitszustandes von G. Klingele lag Eggel wenige Jahre zuvor also nicht ganz falsch. ↩︎

  27. Von Margrit Koller entdeckt. In: Passé simple, Mensurel romand d’histoire d’archéologie Nummer 103. (Verfasserin: Fabienne Lutz-Studer, Walliser Staatsarchiv.) ↩︎

  28. Leider ist dieser Text nicht erhalten geblieben. ↩︎

  29. Es handelt sich möglicherweise um einen Kolonisten, der auf Kurzbesuch im Wallis war und dem man, wie damals üblich, gewisse Gegenstände sowie Briefe an Verwandte in Argentinien mitgab. ↩︎

  30. Die Quellen zu diesem letzten Kapitel stammen grösstenteils von Anton Eggels Ururenkel Ignaz Eggel aus Naters. ↩︎

  31. Als Grenzbezeichnungen verwendete man im 17. und 18. Jahrhundert im Oberwallis «Morgen» (Sonnenaufgang) für Osten, «Mittag» (Sonnenhöchststand) für Süden, «Abend» (Sonnenuntergang) für Westen und «Mitternacht» für Norden. ↩︎

  32. Da im Oberwallis sog. «Totenanzeigen» erst nach der Jahrhundertwende üblich wurden, gibt es keine Bilder von Paul Eggel und seiner Frau Clara. ↩︎

  33. Auch die Informationen über Jules und Therese Eggel stammen aus den Nachrufen im «Walliser Volksfreund». ↩︎